© Monika Bauß / Mark Wischnewski / Lucas Wischnewski 2011-2017 Die fast wahre Geschichte über Saltatio Mortis An einem trüben Winterabend hing Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein müde in seinem Sessel. Mit letzter Kraft umklammerte er den fast leeren Met-Becher. „Es ist schon ganz schön beschissen, der letzte Spielmann zu sein!“, murmelte er in seinen Bart. Plötzlich fühlte er, wie Kälte in seine bescheidene Hütte kroch. Er sank tiefer in seinen Sessel. Doch so sehr er sich auch wehrte, die Kälte zog ihn mit klammen Fingern vor die Tür. Zwei schaurige Gestalten standen davor. Einer in Rot gekleidet, der andere ganz in Schwarz. „Tod und Teufel!“, schoss es durch Mümmelsteins Kopf. „Du bist ein Spielmann, stimmt’s?“, fragte die rote Gestalt, die auch noch eine rote Strähne im Haar hatte. „Oh ja, der letzte Spielmann! Ein sündhaft Element!“, folgerte der riesige Schwarze mit einem hämischen Grinsen im Gesicht. Entsetzen stand Mümmelstein ins Gesicht geschrieben, als vor seinem geistigen Auge seine Sünden vorüberzogen. Und das waren nicht wenige... Na, das war’s dann wohl. Er wollte sich gerade geschlagen geben, als ihm etwas einfiel. „Nach einer alten Spielmannssitte ist es Recht und Brauch, um sein Lasterleben zu würfeln!“, forderte er die beiden Gestalten heraus. Der Mann in Schwarz baute sich vor ihm auf und wuchs dabei um noch mal mindestens 20 Zentimeter. „Du glaubst, wir wollen dein Leben beenden?“ Eifrig nickte Mümmelstein, dass seine langen Haare nur so flogen. „Ihr seid doch Tod und Teufel?“, vergewisserte er sich. „Oh nein!“, sprach der Schwarze Mann. „Wir sind zwar von so manchem gefürchtet und gehasst, aber wir sind weder Tod, noch Teufel!. Darf ich vorstellen?“ Mit ausgestrecktem Zeigefinger wies er auf die Gestalt in Rot. „Alea der Bescheidene. Und ich bin Lasterbalk der Lästerliche. Jeder Einzelne von uns dachte, er sei der letzte Spielmann. Und jetzt komm mit uns, wir gehen unseren Weg! Immer vorwärts, egal wohin es geht! Komm mit uns und bleib nicht stehen! Dieser Weg ist steinig, doch es lohnt ihn zu gehen...“ Mümmelstein überlegte nicht lange. Er hängte sich seine Drehleier um, warf den Dudelsack über die Schulter, setzte seinen Piratenhut auf, nahm die letzte Flasche Met, die heilige Nikon und die „Anti-La-Ride-Creme“ mit. Während die drei Spielleute über das flache Land stiefelten, leerten sie fröhlich den Met. Und wo immer sie in ein Dorf kamen, spielten sie auf dem Marktplatz ihre Musik. Mümmel spielte die Drehleier, Alea blies seine geliebte Drachenkopf- Sackpfeife und Lasterbalk war der Märchen-Onkel der kleinen Band. Er schlug die Davul und sorgte mit manch schlüpfrigem Spruch für Belustigung. Und sie wurden recht gut belohnt. Mal mit Naturalien, mal mit Talern. Aber trotz allem reichte es so gerade zum Überleben. Als sie in einer langweiligen Hafenstadt ankamen, nahm der Marktvogt, Eduard von Sonnenschein, die Jungs beiseite. „Das hier bringt doch nichts!“ Mit dem Finger zeigte er auf einen unsichtbaren Punkt im Meer. „Dort hinten, an den fernen Ufern, wo die Sonne mit dem Horizont verschmilzt, da liegt das Gold auf der Straße! Dort gibt es Ruhm, Reichtum, Met und schöne Frauen. Ja, und so kam es, dass sie im Hafen ein kleines Segelschiff mit dem schönen Namen „Loch Lomond“ entdeckten. Weit und breit war niemand von der Crew zu sehen. Geschickt hüpfte Alea an Bord und schaute sich um, während Lasterbalk und Mümmelstein pfeifend auf der Pier standen. Nach einiger Zeit tauchte der Rotschopf wieder auf. „Die Luft ist rein, kommt an Bord!“ Falk rückte seinen Piratenhut gerade und marschierte über die Gangway, ganz so, als wäre er der Käpt’n persönlich. „… wonderful living, the life of the pirates....“, sang er laut. Alea war inzwischen im Frachtraum verschwunden und suchte nach dem Wichtigsten überhaupt: Den Rumfässern! Leise wie eine Katze schlich er zwischen der Ladung herum. Da legte sich plötzlich eine große Hand auf seine Schulter. Erschrocken fuhr Alea herum und schaute in ein junges Männergesicht, dessen Haare von einem Piratentuch verdeckt wurden. In der anderen Hand hielt der Mann eine Zahnbürste und eine Zahnpastatube. „Mist, ich habe die falsche Zahnpasta erwischt, die hier schmeckt nicht. Kann ich mal deine benutzen?“, fragte er grinsend. Für einen Moment dachte Alea darüber nach, ob er Alarm schlagen sollte. Doch dann nahm er seine Tasche von der Schulter und begann darin zu wühlen. Es dauerte einige Zeit, bis er eine gelbe Zahnpastatube mit einem grünen Drachen drauf hervorzog. „Hier, die ist mit Erdbeergeschmack. Die schmeckt echt toll. Ist meine Lieblingszahnpasta.“ „Danke schön! Übrigens, ich bin El Silbador. Manche sagen auch Elsi. Und ich bin der letzte Spielmann...“, stellte er sich vor. „Nein, bist du nicht! Auch ich bin ein Spielmann. Und die beiden, die mir dabei helfen das Schiff zu klauen, sind auch welche. Gestatten: Alea der Bescheidene!“ El Silbador hatte kein Problem damit, dass das Schiff gekapert wurde und er gleich mit. Hauptsache, er war keines Herren Knecht. Lasterbalk fand eine alte Holzkiste und zog ein Knäuel von Flaggen heraus. Er wühlte eine Zeitlang herum, bis er das passende Stück Stoff in der Hand hielt. „Die ist es!“ Schwarz wehte nun das Banner mit dem weißen, lachenden Totenhaupt über ihren Köpfen und sie sangen ihre Lieder viel viel lauter, als erlaubt. Vor allem, wenn sie mal wieder ein Rumfass geleert hatten. Dann hörte man schon morgens früh die Spielleute singen: „What shall we do with the drunken sailor - early in the morning?“ Elsi entpuppte sich als echter Vollblut-Spielmann. Er hatte jede Menge Sackpfeifen im Gepäck. Seine besonderen Lieblinge waren eine schottische Highlandpipe und ein Hümmelchen. Außerdem spielte er noch Schalmei, Uilleann Pipes und Whistles. Und so segelten sie weiter, immer weiter, bis der Mond die Sonne verführte - bis der Himmel das Meer berührte. Sie säten den Wind und ernteten den Sturm, der sie in Windeseile an ferne Ufer pustete. Schließlich legten sie am Hafen der Stille an. Mit dicken Seesäcken über den Schultern verließen sie ihr Schiff. Zusätzlich trug Elsi noch eine lila Stofftasche mit einer Miezekatze drauf. Zu Fuß machten sie sich auf den Weg und gingen erst einmal Shoppen: Brot, Käse, Schinken, Thunfischsalat, Nudeln und Pesto. Und sie waren noch ganz zuversichtlich, dass sie noch zu Ruhm, Reichtum und schönen Frauen finden würden. Den Met hatten sie schon im Gepäck. Die Straße führte sie in einen Wald, der überhaupt kein Ende nahm. Mitten in der Nacht machten sie schließlich erschöpft Rast. Bleiches Mondlicht schien auf eine kleine Lichtung. „Hier sollten wir übernachten! Das ist doch eine schöne Stelle. Richtig romantisch!“, schwärmte Falk. Sie hatten ihr Gepäck noch nicht ganz abgestellt, als sie ein unheimliches, leises Knurren vernahmen. „Alea, lass das!“, fauchte Elsi, der sich im Wald nicht wirklich wohl fühlte, seinen Kollegen an. Grinsend tänzelte Alea um ihn herum. „Schließ deine Augen, schönes Kind, lausche still, mein Lied beginnt. Erzähle dir von einer Welt, in der...“ Mitten im Satz brach Alea ab. Das Knurren war erheblich lauter geworden, bedrohlicher und viel näher als zuvor. Die Spielmänner rückten näher aneinander. „Könnte ein wilder Hund sein“, schlug Lasterbalk vor. „Ja, ein sehr wilder Hund. Oder vielleicht ein Bär?“, rätselte Mümmelstein weiter. Es dauerte keine drei Sekunden mehr, bis sie wussten, was es war: Ein riesiger Wolf. Das Mondlicht fiel auf sein graues Fell und auf etwas, das er mit spitzen Reißzähnen in seinem riesigen Maul festhielt. Sabbernd senkte er den Kopf und ließ seine Beute auf den Waldboden fallen. „Seht ihr dasselbe, was ich sehe?“, flüsterte Alea fast tonlos. „Sieht aus wie ein menschlicher Arm...“, murmelte El Silbador und musste ein bisschen würgen. Schnüffelnd schaute der Wolf die Spielleute an. Er zog die Lefzen hoch und entblößte rasiermesserscharfe Zähne. „Es ist nicht nur ein menschlicher Arm, sondern ein menschlicher blutiger Arm! Genauso, wie ich es mag!“, knurrte der Wolf. „Wow! Ein Werwolf! Ich dachte, so was gäbe es nur im Märchen!“, sagte Lasterbalk überrascht. „Wow, ein Riese!“, gab der Wolf zurück. „Ich dachte, so was gäbe es nur im Märchen! Und im Märchen wird die Hauptfigur immer in letzter Sekunde gerettet. Wie gesagt, im Märchen...“ „O.k. Ich werde dir ein Angebot machen, Werwolf“, fuhr Lasti fort. „Dafür, dass du uns verschonst, gebe ich dir meinen silbernen Bauchgurt. Was hältst du davon?“ Mit einem verächtlichen Schnauben drehte der Wolf sich zu Elsi um. El Silbador konnte nicht den Blick von den eisblauen Augen des Werwolfs abwenden. Er war wie gefesselt. „Dich will ich! Und jetzt schau der Bestie ins Gesicht, benenne sie beim Namen. Du weißt ja, schöne Worte heilen nicht die Wunden, die geschlagen. Schau der Bestie ins Gesicht – erkenn in meinen Augen – den Zorn der meine Seele nährt und Frieden mir verwehrt“, knurrte der Wolf. „Varulven... du heißt Varulven...“, flüsterte Elsi fasziniert. „Komm her, El Silbador. Dein Name und dein junges Blut gefallen mir!“ lockte der Werwolf. Wie eine Marionette setzte sich der Sackpfeifenspieler in Bewegung, um dem Wolf zu folgen. „Elsi! Nein! Geh nicht! Er wird dich fressen...“ riefen die anderen Spielleute entsetzt. Doch der Wolf ließ sich nicht beirren. Mit lieblicher Stimme säuselte er: Folge mir, lass die anderen reden, was jetzt zählt, ist dein eigenes Leben...“ „Wir müssen ihm ein anderes Angebot machen. Er darf nicht einfach unseren Elsi fressen!“, brummte Mümmelstein bekümmert. „Ich hätte da noch eine Flasche Met im Angebot...“, gab Lasterbalk widerwillig zu. Alea wurde es zu bunt. „Nein, er will nur El Silbador. Wir müssen zu härteren Waffen greifen. Zu blöd, dass ich meine Schwertersammlung zu Hause gelassen habe...“ Dann fiel ihm etwas anderes ein. „Ich hab es! Der Merseburger Zauberspruch! Eiris sazun idisi, sazun hera duoder...“ Es folgten noch ein paar lateinische Sätze, die ich hier nicht wiedergeben möchte... Wie angewurzelt blieb der Werwolf stehen. Dann taumelte er erst nach links, dann nach rechts und fiel schließlich hechelnd auf die Schnauze. „Was hast du mit ihm gemacht?“, fragte Mümmelstein sichtlich beeindruckt. „Es war eine Abwandlung des klassischen Zauberspruchs. Ich hoffe, dass ich ihn jetzt zurück in den Mann verwandelt habe, der er früher war!“, erklärte Alea schulterzuckend. Lasterbalk begutachtete den regungslosen Werwolf. „Sieht mir eher aus, als hättest du den Werwolf in einen normalen Wolf verzaubert. Ist aber auch egal, lasst uns von hier verschwinden!“ Im nächsten Moment zuckte der Wolf ganz fürchterlich. Er warf sich hin und her, das Fell fiel ihm aus und die Reißzähne verschwanden. Elsi trat näher an das Tier heran. „Er verwandelt sich in einen Menschen...“ Und tatsächlich. Aus dem blutrünstigen Werwolf wurde eine wunderschöne, langhaarige blonde Frau. Und sie war nackt. Die Spielmänner standen staunend um sie herum, doch keiner traute sich, sie anzufassen, um ihr aufzuhelfen. Ganz langsam richtete sie sich auf und griff sich verwirrt an den Kopf. „Was ist mit mir passiert? Ich fühl mich so komisch. Und mir ist so kalt!“ Mit offenem Mund schaute Alea den entzauberten Werwolf an. Die Frau sah ein wenig aus wie Doro Pesch. In seiner Teenie-Zeit hatte ein Poster von Doro über seinem Bett gehangen. Großzügig wie Lasterbalk war, zog er seinen langen, schwarzen Mantel aus und hielt ihn der Schönheit hin. Nun musste er zwar frieren, aber was tat Mann nicht alles für eine Frau... Mit schlanken Fingern nahm sie den Mantel entgegen und schlüpfte hinein. Der Mantel schlappte ungefähr einen halben Meter wie eine Schleppe hinter ihr her. Außerdem war er nicht zu schließen. Sie streckte ihre hübsche kleine Nase in die Höhe, zog eine Schmollschnute und ließ den Mantel von den Schultern gleiten. „So geht das nicht. Ich brauche etwas Anständiges zum Anziehen!“ Grinsend zog Lasterbalk seinen Mantel wieder an und rückte seinen Bauchgurt heraus, den sie als Wolf verschmäht hatte. „Hier, da kannst du dich reinwickeln!“, schlug er vor. Alea trennte sich von seinem Rockteil, das er normalerweise über der Hose trug, Mümmel gab ihr seinen Gürtel und Elsi reichte ihr sein Kopftuch. Kunstvoll wickelte sie sich in die Klamotten ein. „Übrigens, ich heiße Salome. War einst bekannt als schönste Frau der Wüste...“, stellte sie sich vor. Ja, schön war sie wirklich. Als die Spielmänner dann zur Feier des Tages Tulla spielten, begann Salome zu tanzen. Mit verführerisch wehenden Schleiern aus den Klamotten der Spielmänner wirbelte sie über den Waldboden und hatte im Nu die Musiker verzaubert. Alle? Ja, ausnahmslos alle! Als endlich Schlafenszeit war, lagen die Männer ihr zu Füßen. Jeder wollte ihr Beschützer für die Nacht sein. „Wer von euch ist eigentlich der Held, der mich gerettet hat?“, fragte sie kokett mit gekonntem Wimpernaufschlag. „Ich habe den Zauberspruch gesagt...“, bekannte sich Alea mit laut klopfendem Herzen. „Dann will ich dir meine Gunst erweisen, du bärtiger Barde. Alea der Besinnliche...“, sagte sie laut und stöhnte „Lass uns tanzen einen Reigen - wie heiße Lava kocht das Blut...“ in Aleas Ohr. Sie zerrte ihn hinter sich her und zusammen verschwanden sie im dunklen Wald. Die anderen waren leicht stinkig. „Alea, der Besinnliche! Bärtiger Barde! So ein Quark!“, fauchte Mümmelstein eifersüchtig. Erst im Morgengrauen kehrten die beiden Turteltäubchen auf die Waldlichtung zurück. Während Salome mit Met, Brot, Schinken, Käse und Freundlichkeit überhäuft wurde, straften die Männer Alea mit eisiger Verachtung. Schließlich baute sich Alea vor seinen Freunden auf: „Meine schwarze Liste beginnt mit einem Satz: Wer zuletzt lacht, lacht am besten und am Ende ist noch Platz!“ Mümmelstein versuchte ihn zu beschwichtigen. „So war das doch nicht gemeint! Es ist doch nur so...“ Alea ließ ihn nicht ausreden. In diesem Moment war er sich einfach zu sicher und zu stolz, um die Gefahr zu erkennen, als er sprach: „Es ist so, dass ihr sie alle haben wollt. Aber sie hat mich ausgewählt. Wenn sie sich für einen von euch entscheiden sollte: Bitte sehr! Ich werde euch nicht im Wege stehen!“ Und dann passierte etwas, mit dem wohl keiner gerechnet hatte. Salome schmiegte sich an Alea und flüsterte: „Also, wenn es dich nicht stört, ich würde auch gerne mal mit dem jungen El Silbador, dem älteren Mümmel und dem schönsten Mann vom Fest - Lasterbalk...“ Blankes Entsetzen stieg in Alea auf. „Du Miststück!“, entfuhr es ihm und schubste sie von sich weg. Von da an hatte er ihr für lange Zeit nichts mehr zu sagen. Sie zogen weiter und erreichten schließlich wieder Straßen und Dörfer. Die Spielmänner machten die Musik und Salome tanzte dazu. Am Ende ihrer Show ging Salome mit Mümmelsteins Piratenhut herum und sammelte Geld ein. Dabei ließ sie sich auch das eine oder andere Stück mal in den großzügigen Ausschnitt stecken. Und obwohl sie nun wesentlich mehr Gewinn machten als je zuvor, konnten sich die Spielleute nicht mehr so recht auf ihre Arbeit konzentrieren. So manches Mal ging ein Ton oder ein Paukenschlag daneben. Und jede Nacht betörte Salome einen anderen Spielmann. Unzufriedenheit machte sich breit. Habgier und Neid brachen aus. Den armen Mümmelstein hatte es besonders schwer erwischt. Melancholisch drehte er seine Leier und bekam kaum noch was auf die Reihe. Der dunkle Engel hatte ihn voll im Griff. Er hätte alles für sie getan. Und das Schlimmste daran war: Sie wusste es! Am Abend eines langen Tages torkelten die Spielmänner mit Salome völlig übermüdet und voll wie die Haubitzen aus einer Taberna. Es schüttete wie aus Kübeln und in Windeseile waren ihre Klamotten durchweicht. „Wir brauchen ein – hicks - Dach über dem Kopf, sonst spült uns der Regen noch in die Gosse“, lallte Lasterbalk. Doch kein „anständiges“ Haus wollte eine Horde nasser, betrunkener Spielleute und eine dürftig bekleidete Dame aufnehmen. Schließlich erreichten sie eine alte Kapelle. Die Türe war nur angelehnt und knarrte laut in den Angeln, als Alea sie aufzog. In einer Ecke stand eine brennende Kerze. „Hallo, jemand da?“, rief er hinein. „Ja, tretet nur ein“, rief eine Stimme zurück. Alea schlüpfte in die Kapelle hinein und die anderen folgten ihm. Auf den Stufen, die einst zu dem nun nicht mehr vorhandenen Altar geführt hatten, saßen zwei Mönche in braunen Kutten. „Seid Willkommen, Fremde. Das ist Bruder Frank und ich bin Bruder Rektus. Wir bekommen nur noch selten Besuch. Verklungen sind die Lieder, die Schriften verbrannt. Die alten Propheten sind schon lange verbannt. Die Kirche geplündert, der Mythos geraubt. Vergessene Götter, an die Niemand mehr glaubt...“ Spöttisch lachte Lasterbalk: „Bischof, Papst und seine Pfaffen! Taler, Gold und Schätze raffen! Ihr Heuchler!“ Bruder Frank, der nicht nur im Kerzenlicht eine leicht gelbliche Gesichtsfarbe hatte, sprang auf. „Nicht wir sind die Heuchler. Sondern die, die das Paradies gestürmt haben. Die, die den Sündenfall begangen haben...“ „Oh Mann, du fängst ja echt bei Adam und Eva an!“, lachte Lasterbalk bitter. „Kann es vielleicht sein, dass du ein bisschen an deiner eigenen Vergangenheitsbewältigung arbeiten solltest?“ Bruder Frank zog eine handliche Digicam aus seiner Kutte. „Hast du was dagegen, wenn ich unser Gespräch hier aufzeichne und später mal ein Podcast daraus mache?“ Alea war beeindruckt. „So was Tolles kannst du? Spielst du vielleicht auch noch ein Instrument, Bruder?“ Eifrig nickte Bruder Frank und rückte seine Brille gerade. „Klar. Ich spiele Chapman-Stick, E-Bass und noch ein paar andere Instrumente. Leider haben wir seit dem letzten Atomunglück keinen Strom mehr. Könntet ihr noch einen Gitarristen brauchen?“, fragte er aufgeregt. „E-Bass und Chapman-Stick würden gut zu uns passen. Allerdings müssten wir uns einen Generator zulegen. Aber macht ja nichts...“, beschloss Mümmelstein. Schwermütig schaute Bruder Rektus seinen jungen Kollegen an. „Irgendwie hast du noch nie so richtig hierher gehört. Du bist gerannt auf viel zu vielen Wegen. Bist niemals da und immer unterwegs. Bist schon zu oft losgelaufen. Doch angekommen bist du nie. Rastlos wie eh und je. Ja, mein Lieber, und nun stehst du am Scheideweg. Triff deine Wahl...“ „Lass mich los. Es ist Zeit für mich, ein neues Leben zu beginnen“, entschied Bruder Frank und warf Salome einen bewundernden Blick zu. Schon schwebte sie auf ihn zu und umgarnte ihn. Doch sollte er als Kirchenmann nicht der Versuchung widerstehen? „Wehr dich du schöne Frau, straff dein Gewand, entzücke, doch erhör mich nicht...!“ flüsterte er ihr fast unhörbar zu. Natürlich waren auch dem armen verliebten Mümmelstein Salomes neueste Annäherungsversuche nicht entgangen. „Ich brauch Zeit! Zeit!“, murmelte er in seinen Bart. Am nächsten Morgen, an dem eigentlich keiner so genau wissen wollte, mit wem Salome die letzte Nacht verbracht hatte, packten die Spielleute ihre Klamotten zusammen. Komischerweise hatte Bruder Rektus ein seliges Grinsen im Gesicht, das bestimmt nicht auf göttliche Handlungen zurückzuführen war. Bruder Frank stopfte diverse Elektronikgeräte in einen übergroßen Seesack. Laptop, mobile Festplatte, Mischpult, Canon-Digi- Spiegelreflexkamera und diverse andere Teile. „Jetzt einen Kaffee...“, brummelte Lasterbalk. „Das Feuer ist noch nicht heiß genug, um Kaffee aufzugießen“, sagte Bruder Rektus entschuldigend. „Wie wäre es mit frischer Milch? Oder mit einem Becher Mess-Wein? Ich konnte die ein oder andere Flasche vor der Plünderung retten.“ Doch Lasterbalk wollte einfach nur einen heißen Kaffee. Dann war es an der Zeit aufzubrechen. Die beiden „Brüder“ verabschiedeten sich voneinander. Bruder Rektus wischte sich eine Träne von der Wange und sagte: „Auch für mich ist es an der Zeit, neue Wege einzuschlagen. Oder neue alte Wege zu gehen. Erinnert ihr euch noch an die Geister der Vorzeit, den Zauber der Alten? Sie sind längst nicht vergangen, dreht euch im Tanz! Tosen des Windes, Mächte des Feuers, Brausen des Wassers, Kräfte des Steins! Vielleicht könnte ich auch öffentlich auftreten. Ich habe gehört, dass es so eine Veranstaltung gibt, die Mittelalterlich Phantasie Spectaculum heißt... Bestimmt treffen wir uns eines Tages wieder!“ Ein Narr saß in seinem bunten Narrenkleid auf dem Marktplatz des Dorfes und ließ den Kopf samt Narrenkappe mit Eselsohr hängen. Als er die Spielleute sah, sprang er übertrieben fröhlich auf und klimperte mit den Schellen an seinen Stiefeln. „Hallo, ich bin Till Eulenspiegel! Ich werde als Narr die Welt befreien!“ Zweifelnd sah Lasterbalk ihn an. „Bist du dir denn sicher, dass die Welt von dir befreit werden will?“ Die Antwort erübrigte sich in dem Moment, als eine Horde aufgebrachter Dorfbewohner auf sie zustürmte. Es waren nicht nur Bauern, Mägde und Knechte. Selbst ein Kaiser, ein König und diverse Edelmänner waren dabei. Und sie sannen nur auf eins: Vergeltung. Dann kamen die ersten faulen Äpfel, Eier und Kohlrabi geflogen. Auch anderes Obst und Gemüse erreichte die kleine Truppe und Till Eulenspiegel. Sogar ein alter stinkender Fisch hatte noch Fliegen gelernt und traf die schöne Salome am Arm. Angeekelt schrie sie auf. Die Spielleute nahmen den Narr in ihre Mitte und flüchteten, wobei sie Salome hinter sich herzerrten. Nur Bruder Frank stand etwas abseits und schoss mit der Reihenbildfunktion Fotos mit seiner Canon. Nachdem er genug Fotos auf der Speicherkarte hatte, rannte er den Spielleuten hinterher. Als sie sicher waren die Meute abgehängt zu haben, hielten sie am Waldrand an. „Sag mal, bist du eigentlich gerne ein Narr?“, wollte Mümmel wissen. „Geht so. Meine Eltern wollten halt, dass ich was Anständiges lerne! Und nachdem das mit dem Medizinstudium nicht so recht geklappt hat, habe ich eben Narr gelernt“, erklärte Till. „Und nur deshalb bist du Narr geworden?“, hakte Alea nach. „Was wärst du denn lieber geworden?“ Tills Antwort kam so schnell wie zuvor die faulen Äpfel: „Ein Spielmann! Ich kann Gitarre spielen! Akustik-Gitarre, Bouzouki, E- Gitarre, ein wenig Klavier und ein bisschen Harfe. Und ich kann ganz ordentliche Steaks grillen!“ Elsi sah ihn zweifelnd an. Dabei zweifelte er allerdings nicht an den Grillkünsten des Narrs. „Bist du eigentlich zufrieden mit deinem Namen? Ich meine, Till Eulenspiegel... das klingt doch so wie Hein Blöd...“ Ein breites Grinsen zog sich über Tills Gesicht. „Samoel ist ein toller Name. Herr Samoel!“ Salome blinzelte ihm zu. „Herr Samoel ist echt scharf!“ Laut lachend riss er sich die Narrenkappe vom Kopf und schlüpfte aus dem Narrenkleid. Beides warf er weit von sich. Darunter trug er eine schwarze Hose und ein ärmelloses schwarzes Shirt. „So ist es viel besser!“, beschloss er. Nur das Schellenband steckte er als Erinnerung ein.