© Monika Bauß / Mark Wischnewski / Lucas Wischnewski 2011-2017 So schloss sich Herr Samoel der Truppe an. Die Spielleute warfen zusammen, um ihm eine Gitarre und einen Grill zu kaufen. Drei Dörfer weiter erhielten sie eine förmliche Einladung des Königs. Die Kleidung wurde ausgeklopft und gelüftet, die langen Haare gebürstet und die Bärte gestutzt. Salome hüllte sich verführerisch in ihre inzwischen sieben Schleier und in eine Parfümwolke. „König Herodes lässt bitten!“, erklärte der Knecht am Eingang der Burg. Der König war hoch erfreut über die Abwechslung in seinem langweiligen Königsleben. Die Spielleute spielten „Dessous le pont de Nantes“, „Choix des dames“, „Ecce Gratum“, die „Skudrinka“ und den „Veitstanz“. Bei den letzten beiden konnte Salome ihre Füße nicht mehr stillhalten und wirbelte durch den Ballsaal. „Salome, tanz für mich den Tanz der Tänze. Was immer du dir wünscht, ich werde es dir als Lohn gewähren! Ich lege dir meine Welt zu Füßen...“, versprach König Herodes. Die Schönheit setzte ihr süßestes Lächeln auf. „Egal, was es ist?“, fragte sie ungläubig. „Ja, ganz egal...“, antwortete der König ergeben. Sie ließ den Blick durch den Saal schweifen. Edle Kerzenständer, blitzende Waffen, Kristallgläser, Edelsteine, Geschmeide, der König selbst... Doch das Tier in ihr wollte nur eins: Jemanden leiden sehen. Und zwar nicht irgend Jemanden! „Gibt es an deiner Burg noch Steinschleudern? Ich meine, so richtig große, um dicke Brocken aufs Umland zu werfen?“, fragte sie. „Jaaa...“, sagte der König zögerlich. „Dann, mein lieber König Herodes: Wirf den Mümmelstein! Und danach werde ich für dich tanzen!“, forderte sie. (Nicht, dass Mümmel ein dicker Brocken wäre! Anm. d. Autorin) „Das ist dein Wunsch?“, fragte Herodes ungläubig. „Ich biete dir Gold, Juwelen, einen Platz an meiner Seite – und du willst diesen Spielmann sterben sehen?“ „Er würde alles für mich tun. Genau wie du. Und Wunsch ist nun mal Wunsch! Mümmelstein soll fliegen“, bekräftigte sie. Herodes ging auf sie zu und legte einen Arm um sie. Dann flüsterte er etwas in ihr Ohr und sie lächelte amüsiert. Alea konnte nicht an sich halten: „Salome, du bist für mich das Letzte, ich find dich widerlich!“ Der König öffnete die riesige Holztüre und rief in den Gang hinein: „Schickt mir den Henker!“ Mümmelstein wurde ganz grün im Gesicht. Sollte er etwa vom Henker mit der Steinschleuder abgeschossen werden? Schließlich war es dem Henker egal, wessen Leben er auf welche Art und Weise beendete. Er machte nur seinen Job. Mümmel sah Salome an. Und auf einmal wurde ihm klar: „Alle Dinge die ich tat, alle Wege die ich ging, ich ging sie für dich. Für dich! Vergiss mein nicht!“ Des Königs Henker mit der Kapuze auf dem Kopf schlurfte müde herein. „Ja, König?“ „Ich habe Arbeit für dich!“, verkündete Herodes. „Ach Mann, ich bin der Toten müde, dem Untergang geweiht! Kein Ruhm und keine Ehre entlohnt für all das Leid. Ich bin des Königs Henker, die Hand hält das Fallbeil. Verdammt, den Tod zu leben, verspiel mein Seelenheil!“, klagte der Henker. „Ja ja, immer dieselbe alte Leier! Mach die Gouillotine fertig!“, sagte der König und der Henker verschwand. Dem armen Mümmelstein war nun jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen. Nun war es nicht mehr die Steinschleuder, sondern die Gouillotine? Vielleicht hätte er es dann schneller hinter sich. Bruder Frank zückte die Digicam. „Soll ich ein Podcast für die Nachwelt machen?“ Er bekam keine Antwort. „Aber König, können wir da nicht noch mal drüber verhandeln? So eine schwerwiegende Entscheidung! Ich meine, da solltet ihr noch mal eine Nacht drüber schlafen...“, versuchte Lasterbalk den König zu beeinflussen. Schließlich wollte so niemand sterben. Und Mümmel hatte das ganz sicher nicht verdient! Langsam wurde der König ungeduldig: „Nichts da. Der Worte sind genug gewechselt, lasst uns endlich Taten sehen!“ „Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein, hast du einen besonderen Wunsch, welches Lied wir zum Abschied spielen sollen?“, fragte Alea mit Tränen in den Augen. Tapfer lächelte Mümmel. „Es kommt doch nur eins in Frage: Spielt mir den Saltatio Mortis – den Totentanz!“ Der Henker kam zurück. „Ich bin bereit, König.“ Die ganze Truppe machte sich auf den Weg in den Hof, wo die Gouillotine stand. Unentwegt befühlte Mümmel seinen Hals. Noch saß der Kopf obenauf... Lächelnd nahm der König Salome an die Hand und führte sie die kleine Treppe zum Podest herauf. „Das ist ja wie bei ARD und ZDF. Mittendrin statt nur dabei!“, strahlte sie begeistert. „Oh ja, ganz mittendrin!“, bestätigte der König. Dann verfinsterte sich Salomes Gesicht. „Aber ich wollte ihn doch mit der Steinschleuder werfen. Oder wollt ihr ihn erst köpfen und dann abschießen?“ Des Königs Lächeln wurde noch breiter, als er zu ihr sprach: „Wer immer dir verraten hat, dass diese Welt sich dreht, hat er dir damit auch gesagt, dass du im Zentrum stehst? Fall doch vom Rand der Erde, ich wünsch dir guten Flug. Trink deinen Schierlingsbecher aus in einem Zug. Ertrink am Grund der Meere mit Steinen um den Hals! Ich freu mich auf dein Scheitern, bin Zeuge deines Falls!“ Salomes Lächeln vereiste. „Ich? Ich soll auf deinem Schafott sterben? Aber du hast mir die Welt versprochen...“ Der König schmunzelte. „Ja, das habe ich. Ich habe dir meine Welt versprochen! Und deshalb: Sieh die Welt mit meinen Augen – ich habe viel gesehen! Um mich zu verstehen, muss man meine Wege gehen! Und jetzt lege bitte dein hübsches Köpfchen auf den Holzklotz!“ Und während die zeternde Salome ihren Kopf in die Gouillotine legte, spielte die Band den Saltatio Mortis. Herodes gab dem Henker ein Zeichen und das Fallbeil sauste herunter. Der Totentanz fand sein jähes Ende. „Es ist ja vielleicht ein bisschen geschmacklos, aber wäre Saltatio Mortis nicht ein toller Name für unsere Band?“, fragte Mümmel. Trotz seines gebrochenen Herzens war er sehr erleichtert, dass es ihn nicht erwischt hatte. Herr Samoel nickte. „Und unsere Fans wären die Totentänzer!“ Noch bevor die Putzfrau Salome zusammengekehrt und aufgewischt hatte, kehrten die Spielmänner in den Ballsaal zurück. „Saltatio Mortis hört sich echt cool an. Wir brauchen einen Schriftzug und ein tolles Logo!“, überlegte Bruder Frank laut, der schon sein Laptop gezückt hatte. „Elsi, kannst du als Mediengestalter auch Logos entwerfen?“ El Silbador zuckte die Schultern. „Lass es uns versuchen...“ In einer tollen Team-Arbeit entstand der erste Saltatio- Mortis-Schriftzug und ein SM-Logo. Außerdem reiften grandiose Ideen für Merchandise-Artikel heran, die sie an einem kleinen Marktstand neben der Bühne verkaufen wollten. Neben welcher Bühne? Ach ja, eine eigene Bühne mussten sie auch noch ganz dringend bauen! Nach einer Nacht in Herodes Burg und mit 1000 Ideen im Kopf zogen sie weiter. Sie spielten zwei Konzerte und merkten, dass sie nun, wo Salome nicht mehr unter ihnen weilte, wieder viel besser zusammen passten. An einer einsamen Landstraße stand eine kleine hübsche Burg. Gerade als sie an das Holztor anklopfen wollten, öffnete es sich und ein strahlender Reiter stand vor ihnen. „Ihr seht aber glücklich aus, Herr!“, entfuhr es dem immer noch tief getroffenen Mümmelstein. „Ja, das bin ich auch. Denn erst gestern habe ich geheiratet. Und wenn ich später zurückkehre, wartet hoffentlich meine hübsche junge Braut auf mich“, erklärte er. „Kehrt ein und macht es euch bequem. Lasst uns doch heute Abend zusammen feiern!“ Die junge Braut öffnete den Spielleuten den Speisesaal und schenkte großzügig Met ein. Sie war sehr interessiert an den Musikinstrumenten. Vor allem die Sackpfeifen hatten es ihr angetan. „Falls es nicht zuviel Mühe macht, könnte ich vielleicht einen Kaffee bekommen?“, fragte Lasterbalk hoffnungsvoll. Doch die junge Frau schüttelte den Kopf. „Die Senseo-Maschine hat gestern ihren Geist aufgegeben. Mein Gatte ist unterwegs, um eine neue zu kaufen. Wenn ihr mich jetzt kurz entschuldigen würdet, ich muss mal eben was nachsehen...“ Und weg war sie. Doch El Silbador wollte ihr noch ganz dringend sein Hümmelchen zeigen und lief ihr hinterher. Wie eine Feder schwebte die junge Hausherrin durch die Gänge der Burg. Zum Glück hielt sie einen riesigen klimpernden Schlüsselbund in der Hand, so dass Elsi nur dem Geklimper zu folgen brauchte. Er bog genau in dem Moment um die Ecke eines Ganges, als sie eine Tür aufschloss und öffnete. Und er wusste genau: Es war eine verbotenen Tür! Er stürmte auf sie zu. Die Axt war scharf gewetzt, schon manches Weib von ihm zerfetzt. Gestank drang aus dem Raum, vom ausgeträumten Lebenstraum. Im Raum da hingen sie – aufgehängt wie Schlachthausvieh - die Ex-Frauen des Herrn. Vor Schreck erstarrte sowohl ihr Leib, als auch Elsis, aber zum Glück nur ganz kurz. Dank jahrelangem Training in asiatischen Kampftechniken gab sie dem Knecht mit der Axt einen ordentlichen Tritt in die Weichteile. Unvorbereitet stürzte er – unglücklicherweise genau in seine Axt. In diesem Moment kam der Herr heim und sah, dass die Kammer offen war. Er sah den Knecht dort im Blut, fluchte laut, doch bevor er in Wut weitersprechen konnte, hatte auch ihn die Axt erwischt. Noch immer stand Elsi bewegungs- und fassungslos neben dem Eingang. Die Hausherrin hängte die beiden tropfenden Männer schön ordentlich auf die Fleischerhaken. Sie wischte die blutigen Hände an ihrem Kleid ab und sprach zu Elsi: „Tritt ein und sei bereit, bleib hier – für alle Zeit, sei frei, ich vertraue dir...“ Doch Elsi schüttelte nur den Kopf. „Nö, lass mal!“ Dann lief er, soweit ihn Wege trugen, bis er wieder Frieden fand... Zum Glück sahen die Spielmänner noch, wie El Silbador fluchtartig das Burg-Gelände verließ. Da musste irgendwas passiert sein. Sie mussten hinterher. Und so war es diesmal Lasterbalk, der den tollen frischen Senseo-Kaffee aus der neuen Maschine ablehnen musste. Den ganzen nächsten Tag waren sie damit beschäftigt, eine Klappbühne und den Stand fürs Merch zu bauen. Schließlich musste alles einigermaßen handlich sein. Doch von Handlichkeit konnte keine Rede sein. Bepackt wie die Esel zogen sie nun durchs Land. Aber – und das war das Wichtigste überhaupt- sie waren wieder glücklich. So war es auch nicht so tragisch, dass manches Mal mehr Leute auf der neuen Bühne standen als vor der Bühne... Als sie gerade durch ein winziges Dorf gingen, entdeckten sie einen dunkelhaarigen Mann, der in einer Schubkarre saß und auf einer riesigen Blumenvase herumtrommelte. Er wirkte ein wenig verstört und murmelte etwas vor sich hin. Die Spielmänner gingen näher auf ihn zu. „six, cinq , quatre, trois, deux…“, brummte er und drehte bei jedem Wort den Kopf so zur Seite, als würde er irgendetwas hinterher schauen. „Er zählt“, glaube ich. „Hört sich an wie Französisch!“, bemerkte Mümmelstein. „Aber er zählt verkehrt herum, von hinten nach vorne.“ Der Mann mit den strahlenden braunen Augen schaute hoch und lachte laut. „Stimmt genau. Ich habe gerade in Gedanken meine Stuten von hinten durchgezählt. La Jument de Michao. Zu Deutsch: Die Stuten vom Mechant. Darf ich mich vorstellen: Jean Mechant, genannt der Tambour!“ „Und obwohl du Franzose bist, sprichst du Deutsch?“, wunderte sich Lasterbalk. Wieder lachte Jean. „Liegt vielleicht daran, dass ich ein russischstämmiger Franzose bin! Oder ein französischer Russe?“ Auch wenn hier jegliche Logik fehlte, nahmen die Spielleute das mal so hin. Der Mann mit der Blumenvase stand aus seiner Schubkarre auf. Neidisch begutachtete Bruder Frank das tolle Gefährt. „Wie schnell ist die?“, wollte er wissen. „Naja, auf der Bahn bringt sie es so auf 20 km/h. Voll beladen, versteht sich!“, erklärte der Tambour stolz. Auch Alea hatte den Nutzen dieses High-Tech-Gefährtes schnell erkannt. „Können wir dir die Schubkarre abkaufen?“, fragte er hoffnungsvoll. Doch Jean schüttelte den Kopf. „Ich brauche sie, um meine Trommel zu transportieren. Schließlich will ich die nicht von Auftritt zu Auftritt schleppen!“ „Dann trommel uns doch mal was vor, Tambour!“, forderte Lasterbalk ihn auf. Jean ließ sich nicht zweimal bitten und trommelte drauf los. Dabei trommelte er nicht nur auf Omas Blumenvase herum, sondern auch auf der Schubkarre, dem Gartenzaun und dem Schild mit der Aufschrift „Wacken“. Er war richtig gut! Und schon hatte Saltatio Mortis einen Spielmann mehr. Doch genau genommen, war es nicht nur ein Spielmann mehr. Denn abends, als sie im Schein des Feuers lagen, kroch ein haariges Etwas aus Jeans Hose hervor. Angewidert schrie Herr Samoel: „Kannst du dich nicht mal am Riemen reißen? Steck deinen kleinen Spielmann wieder in die Hose!“ Erstaunt sah Jean an sich herunter. „Mensch, Herr Holger, ich hab dir doch gesagt, dass du nicht rauskommen sollst!“, flüsterte er dem haarigen Ding zu. Während die Spielleute angeekelt Herrn Holger begutachteten, hatte Lasterbalk seinen Spaß damit. „Du bist ja ein richtiger Schweinskrämer! Genau so einer wie du hat uns noch gefehlt!“ „Oh nein, nein, nein!“, stieß Jean laut prustend hervor und nahm das haarige Teil in die Hand. „Das hier ist kein Schweinskram, sondern Herr Holger, ein kleiner schwedischer Troll!“, stellte er seinen Kumpel vor. Herr Holger sprang aus seiner Hand und schüttelte sich. „Puh, der hätte mal eine Wäsche nötig!“, beschwerte sich Elsi. Giftig schaute der Troll Elsi an, aber das konnte keiner sehen, weil die schmierigen Haare genau über Herrn Holgers Augen hingen. Dann hüpfte der Troll planlos in der Gegend herum. Natürlich wurde der Neuzugang Jean ordentlich gefeiert und Herr Holger gewaschen – im Badezuber der öffentlichen Badeanstalt. Und während Alea, Lasterbalk, Falk und Bruder Frank ausgelassen den Trommler mit Wasser und Met begossen, retteten El Silbador und Herr Samoel den Jungs den nassen Hintern. Denn sie hatten einen richtig coolen Auftritt in Wacköön. Es dauerte eine Zeitlang, bis Lasterbalk die vertrauten Töne der Sackpfeife und der Akustik-Gitarre wahrnahm, die in einer Endlosschleife die Cantiga Alhambra spielten. Die Spielleute sprangen aus dem Zuber in ihre Klamotten und stürmten die Bühne. Mit frenetischem Jubel wurden sie begrüßt. Es dauerte auch gar nicht lange, bis die ersten Slips und BHs auf der Bühne landeten. Doch dies war ein Trend, der dem armen Lasterbalk fast das Leben gekostet hätte. Ein besonders beleibter weiblicher Fan entledigte sich des Büstenhalters und warf ihn – ganz knapp an Lasterbalks Kopf vorbei - auf die Bühne. Ein Aufwind ergriff den blau-weißen segelnden BH und trug ihn weiter, bis er schließlich von dem Holzgestell des Merch-Standes gestoppt wurde und sich schön ordentlich darüber legte. Und es dauerte keine halbe Stunde, da waren alle Merchandising-Produkte verkauft. Nach drei durchzechten Nächten und anstrengenden Tagen in Wacköön strandeten sie schließlich hundemüde an einer alten Mühle. Nach langem Suchen fanden sie schließlich den Müller, der im Schuppen gerade sieben Särge schreinerte. „Müller, wir sind müde Spielleute und brauchen ein Lager für die Nacht. Dürfen wir in deiner Mühle nächtigen?“, fragte Alea der Bescheidene. Der Müller schaute auf. Dann zählte er langsam die Freunde. „Sieben seid ihr! Das ist gut!“ Er schenkte den Jungs ein zahnloses Lächeln. „Ihr findet mein Weib in der Mühle. Sagt ihr, sie soll euch ein Lager herrichten!“ Des Müllers Weib war entsetzt, als sie die sieben Spielmänner sah. „Nein, bitte, zieht weiter! Sucht euch ein anderes Lager für die Nacht...“, flehte sie. Des Müllers Töchterlein hingegen war sehr angetan von dem unerwarteten Besuch. „Ach Mutter, lass sie doch hier nächtigen, wenn Vater es erlaubt hat...“ Dabei musterte sie kokett lächelnd einen Spielmann nach dem anderen. Bei Herrn Samoel verharrte ihr Blick. „Also gut, wenn ihr es unbedingt so wollt...“, sprach die Mutter und richtete ihnen ein gemütliches Lager her. Doch als die Spielmänner einschliefen, wussten sie nicht, dass ihr Leben schon fast verwirkt war. Denn des Müllers Töchterlein war nur auf der Welt, weil der alte Sack von Vater einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte. Für das Leben seiner Tochter sollten sieben junge Männer sterben... Okay, sie waren nicht mehr alle ganz jung, aber wenn man das Durchschnittsalter errechnete, würde es wohl gehen... Ihr rotes Nachthemd flatterte im Wind, als des Müllers Töchterlein zum Schuppen schlich. Vater hatte ihr verboten, den Schuppen zu betreten. Aber da Neugier nun mal der Weiber Last war und ist, nutzte sie den Schutz der Nacht aus. Entsetzt schrie sie auf, als sie im Schuppen die sieben Särge entdeckte. Ja, sie wusste genau, was das zu bedeuten hatte! Verzweifelt weinte sie sieben bittere Tränen in ein Tuch. „Eine für Herrn Samoel, eine für Bruder Frank, eine für Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein, eine für Jean Mechant, den Tambouren, eine für El Silbador, eine für Lasterbalk den Lästerlichen und eine für Alea den Bescheidenen. Schließlich steckte sie das nasse Tuch in ihre rechte Rocktasche. Sie musste die Spielmänner warnen! In diesem Moment öffnete sich die Schuppentür. „Ich hab dich vom Garten aus gesehen. Du bist so jung so rein mein Kind, wie lange wirst du widerstehen? Komm, komm und spür mich...“, flüsterte Herr Samoel. Und so unerfahren und ein wenig dusselig, wie das Mädel halt war, vergaß sie die Särge im Schuppen. Und während der Alte bei Sonnenaufgang schon die Messer wetzte, sprach des Müllers Frau verzweifelt einen bösen Fluch: „Sieben Jahre werd ich schweigen, sieben Jahr kein Lächeln zeigen, sieben Jahre Trauer tragen, sieben Jahre und ein Tag. Sieben Raben werden steigen, sieben Jahre werd ich leiden, sieben Jahre nicht verzagen...“ Den Burschen schwarze Federn wuchsen, Flügelschlagen in der Luft, erhoben sich als sieben Raben, entkamen so des Müllers Gruft. Die Spielleute staunten nicht schlecht, dass sie plötzlich fliegen konnten. Auch Herr Samoel flog aus dem Schuppen heraus. Der einzige, der fliehen konnte, war Herr Holger. Panisch suchte er nach einer Möglichkeit, wie er Jean retten konnte. Dann sah er des Müllers Tochter aus dem Schuppen rennen. Ohne dass sie es bemerkte, sprang er in ihre linke Rocktasche. Des Müllers Tochter zögerte nicht. Schnurstracks rannte sie durch den Tannenbühl zu dem Dämon aus dem Tannenreich. Er riss heraus ihr schlagend Herz. Verwahrte es in einem Glas, gab ihr ein Herz aus Stein und das Versprechen, den Spielleuten ihr menschliches Aussehen zurückzugeben. Ein Händedruck, ein stummes Wort – besiegelte ihren Pakt. Verdammt in alle Ewigkeit – Manus Manum Lavat. Ja, und so opferte sich des Müllers Tochter für die Burschen und insbesondere für ihre einzige Liebe des Lebens - Herrn Samoel. Immer höher stiegen die sieben Raben in den Himmel hinauf und flogen der Sonne entgegen. Während El Silbador, Mümmelstein und Bruder Frank eher das Entsetzen ins Rabengesicht geschrieben stand, flogen die anderen ausgelassen der Sonne entgegen. Immer heißer brannte das Feuer auf sie herab. Doch wo bei Lasterbalk, Jean und Herrn Samoel so langsam die Vernunft einsetzte, genoss Alea in vollen Zügen seine neu gewonnene Freiheit. „Siehst du die Sonne! Spürst du das Feuer! Du fliegst zu hoch, die Sonne brennt heiß...“, warnte Lasterbalk väterlich seinen Freund. Doch es war zu spät. Aleas Schwingen fingen Feuer. „Freiheit ist niemals ein vermessenes Streben...“, murmelte Alea, als er lichterloh brennend dem Meere entgegenfiel. Glücklicherweise kam gerade des Müllers Tochter vom Dämonen-Besuch zurück. Sie sah die unglücklichen Raben auf dem Strand sitzen und etwas Zappelndes im Meer. Gleichgültig schaute sie auf den Muschelstreifen am Flutsaum. „Bitte, hol ihn heraus! Er wird ertrinken!“, flehte ein Rabe mit Herrn Samoels Stimme sie an. Was war nur mit dem netten Mädchen geschehen, mit dem er die Nacht verbracht hatte? Wahrscheinlich war sie doch nur eine blöde Kuh... Mit kaltem Blick sah sie in seine braunen Augen und für einen ganz kurzen Augenblick fühlte sie etwas in ihrem Inneren brennen. Genau dort, wo jetzt das Herz aus Stein saß. Dann sprang sie ins Wasser und brachte den inzwischen leblosen Raben an Land. Gefühllos ließ sie ihn in den Sand fallen. Genau in diesem Moment begann der Zauber des Dämons aus dem Tannenreich zu wirken. Die Raben verwandelten sich zurück in die Spielmänner, die sie einst gewesen waren. Mit angeschmortem Arm lag Alea im Sand. Er rührte sich nicht. Elsi beugte sich über ihn. „Er atmet noch. Aber sein Lebenshauch wird immer schwächer. Vielleicht ist er ja in ein Koma gefallen?“, überlegte er halblaut. „Wir müssen ihn retten!“, entschied Bruder Frank. „Wenn es für ihn an der Zeit ist zu gehen...“, hielt Lasterbalk dagegen, vollendete den Satz jedoch nicht. Doch was sollten die Spielleute nun tun? War es richtig, ihn sterben zu lassen? Oder doch lieber das Leben retten? Sie waren doch schließlich keine falschen Freunde! Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt! „Wir brauchen einen Arzt!“, beschloss Jean. „Herr Samoel, hast du nicht einen Doktortitel?“, erinnerte sich Bruder Frank vage. „Naja, weißt du, ich habe bei meiner Doktorarbeit ein bisschen geschummelt und sie jemanden anders schreiben lassen. Den Titel habe ich nur auf dem Papier...“ Des Müllers Tochter verdrehte die Augen. „Nicht weit von hier gibt es einen Arzt. Er heißt Dr. Eisenhans. Einfach der Straße da folgen.“ Gesagt, getan. Kopfschüttelnd untersuchte der Arzt Alea. „Da kann man nix mehr machen! Dat is eben Live, ne! “, sagte er. „Aber es muss doch eine Möglichkeit geben! Denn: Nichts bleibt mehr, wenn wir jetzt aufgeben. Nichts bleibt mehr, wenn wir diesen Weg nicht gehen! Und nichts bleibt mehr, wenn wir weiter vor uns fliehen. Nichts bleibt mehr, wenn wir diesen Kampf verlieren!“, gab Mümmelstein zu Bedenken. Eifrig nickten die anderen Spielleute. Naja, also, eine Möglichkeit fällt mir da schon noch ein. Lasst ihn vom Kelch des Lebens trinken!“ schlug Dr. Eisenhans vor. „Und wo finden wir den?“, hakte Bruder Frank nach. „Es kann jeder Kelch sein! Ein Glas, eine Tasse, ein Eimer... Alles, worauf es ankommt, ist die Heptessenz! Ihr braucht ein wenig Staub der Straße, einen kräftigen Schluck Met und sieben Tränen einer Jungfrau.“ Natürlich waren sie alle bereit, Alea zu retten. Herr Samoel lief zur nächsten Straße und kratzte den Staub herunter. Lasterbalk rannte zu Toms Drachenschänke. Er schüttete einen Amarula in sich hinein und holte gleich mehrere Flaschen Met. Schließlich wusste man nie, wann noch mal welcher gebraucht würde... Vorsichtig schütteten sie die Zutaten in Elsis Zahnputzbecher. Nun fehlten nur noch die Tränen der Jungfrau. Hoffnungsvoll schaute Mümmel zu des Müllers Töchterlein herüber. „Knapp zu spät!“, bemerkte diese kalt lächelnd und warf Herrn Samoel einen bedeutungsvollen Blick zu. Nun blickte Falk von einem Spielmann zum anderen. Doch alle schüttelten die Köpfe. Schließlich war nur noch Elsi übrig. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. „Äh, nö...“, murmelte er nur und schaute verlegen zu Boden. Hinter Alea tauchte eine schemenhafte, finstere Gestalt auf, die eine Sense trug. „Es ist zu spät... der Tod hält heut Gericht. Der Zufall ist gekauft. Gott würfelt nicht...“, flüsterte Jean entsetzt. Nicht mal der Ansatz seines sonst so strahlenden Lächelns war zu sehen. Bruder Frank sah Alea an. Ganz klar und deutlich hörte er plötzlich Aleas Stimme in seinem Kopf: „Hör mir zu! Schau mich an! Geschichte schreibt der Sieger! Es rette mich wer kann!“ Der Sensemann hob drohend sein Arbeitsgerät über Aleas Kopf. „Halt! Stop!“, quietschte plötzlich des Müllers Tochter. Sechs Paar lebendiger Augen und die toten Augen des Schnitters starrten sie an. Aus ihrer Rocktasche zog sie etwas hervor. „Schnell, gebt mir den Kelch!“, forderte sie. Lasterbalk hielt ihr den Zahnputzbecher hin. Mit beiden Händen wrang sie das Etwas über dem Becher aus – bis es hysterisch anfing zu schreien. Denn sie hätte fast Herrn Holger den Hals rumgedreht. „Blöde Kuh!“, fauchte Herr Holger sie an. Entsetzt ließ sie den Troll fallen. Sofort bückte Jean sich und drückte seinen kleinen Troll fest an sich. Dann zückte sie endlich das Tuch aus der anderen Rocktasche. Sieben Tropfen mischten sich mit Met und Staub. Hoffen wir mal, dass sie sich vorher nicht noch die Nase damit geputzt hatte... „Und von welcher Jungfrau sind diese Tränen?“, fragte der Sensemann erstaunt, der scheinbar schon länger zugehört hatte. „Na, von mir. Ich habe sie vergossen, bevor Herr Samoel und ich... na, eben bevor er zum Raben wurde!“, erklärte sie stotternd. Sorgsam darauf bedacht, auch keinen Tropfen zu verschütten, flößten sie Alea die Flüssigkeit ein. Er begann fürchterlich zu husten, als er sich verschluckte. Aufmerksam verfolgte der Tod das Schauspiel. Vielleicht würde der junge Mann ja noch ohne sein Zutun ersticken... Aber Alea gab nicht auf. Es war an der Zeit, die eigene Angst zu besiegen. Und er war bereit! Es war an der Zeit, aufzustehen. Mit einem Lächeln setzte er sich aufrecht und sprach leise: „Und wenn mich einst des Todes Finger greifen. Wenn nichts mehr bleibt und niemand bei mir ist. Und wenn ich fort bin, wird es sich erweisen, wer an mich denkt, und wer mich schnell vergisst! Danke, Freunde, dass eure Hand mich hält und ihr mit mir durch Licht und Schatten gegangen seid!“ „Ach du meine Güte! Das war ja besser und dramatischer, als Howard Philipp Lovecraft es hätte schreiben können!“, sagte Mümmelstein ergriffen. „Es ist noch etwas dramatisch!“, schniefte plötzlich Jean. „Was denn?“, gab Mümmel zurück. „Herr Holger. Gerade war er noch da. Doch jetzt ist er weg!“ Die ganze Band suchte den kleinen Troll, ergebnislos. Es dauerte ein paar Wochen, bis Aleas Arm wieder komplett genesen war. Doch seine Verletzung hinderte ihn nicht daran, trotzdem eine Mega-Bühnenschow hinzulegen. Er hüpfte, kämpfte und sang aus Leibeskräften. Nur auf seine Drachenkopf- Sackpfeife musste er verzichten. Und Herr Holger blieb wie vom Erdboden verschluckt. Eines schönen Abends stiefelten sie durchs Heidekraut, als sie schauerliche Töne vernahmen. „Hört sich ja fürchterlich an. So, wie wenn man einem Hund auf den Schwanz tritt. Aus Versehen natürlich!“, erklärte Bruder Frank. Je weiter sie gingen, um so näher kam das Geräusch. Schließlich standen sie vor einer alten Burg. Alea spitzte die Ohren. „Hört sich an, als ob die Töne aus dem Turm da oben kommen!“ „Ist aber dunkel. Komisch...“, überlegte Lasterbalk, als erneut die schrillen Töne zu ihnen herunterwehten. „Das ist eine kaputte Sackpfeife!“, entschied El Silbador. „Dann lasst uns doch mal sehen, ob wir in die Burg hineinkommen!“, schlug Jean vor. Sie überlegten sich kurz die passende Taktik, dann klopfte Falk an das Holztor. „Ja, bitte?“, hörte er eine kräftige Männerstimme hinter dem Tor. „Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein. Ich wünsche, dem Herrn der Burg einen Besuch abzustatten!“, sagte Mümmel in hochnäsigem Ton. Schließlich war er der Quoten-Adelige der Band. Das Tor wurde geöffnet und Falk betrat den Burghof. Noch im letzten Moment konnte er den Torriegel übernehmen. „Ich schließe das Tor schon. Vielen Dank!“, sagte er, während er das Tor nur anlehnte. Dann folgte er dem Mann, der sich als Hausherr vorstellte, in die Burg. „Ich habe merkwürdige schrille Töne aus eurem finsteren Turm vernommen“, erklärte Falk mit versteinerter Mine. „So? Ach ja, der Turm... Muss wohl der Wind gewesen sein...“, murmelte der Hausherr und bat Falk, sich an den Kamin zu setzen. Im Raum herrschte ein ziemliches Chaos. Überall lagen Bücher herum, benutztes Geschirr und über den ganzen Fußboden verstreute Blätter mit merkwürdigen Skizzen und Formeln. „Und was macht die werte Frau Gemahlin?“, fragte Falk höflich. Der Hausherr musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen. „Verstorben. Gestern!“ Inzwischen hatten die anderen Spielleute den Burghof betreten und den Lieferanteneingang entdeckt. Es dauerte nicht lange und sie bestiegen die Treppe zu dem dunklen Turm. Eigentlich brauchten sie nur der schrägen Musik zu folgen. Ein schwerer Eisenriegel lag außen vor der Tür. Elsi versuchte, ihn anzuheben, doch der Riegel bewegte sich keinen Millimeter von der Stelle. „Mist. Der ist festgerostet!“, stellte Herr Samoel fest.