©Monika Bauß / Mark Wischnewski / Lucas Wischnewski 2011-2018
Gisi allerdings sah eher so aus, als könnte er mit bloßen Händen einen so dünnen Hals wie den von Luzi umdrehen... Nein, in die Kutte würde Gisi auf gar keinen Fall passen. Der brauchte eher was im Format „Grizzlybär“. El Silbador zupfte dem Kommissar am Ärmel. „Ich habe gerade die Namen der anderen beiden Toten erhalten. Der eine heißt Eric Fish, der andere...“ Der Assistent schluckte und wurde ein wenig rot im Gesicht. „Ja?“, lockte der Kommissar. „Prinz Hodenherz!“, prustete El Silbador. Als er sich wieder eingekriegt hatte, sprach er weiter. „Beide waren Spielleute. Der Fish ist – war - der Frontmann von Subway to Sally, der Prinz spielte bei einem wilden Haufen namens Feuerschwanz. Das sind auch so ähnliche Mittelalterbands wie die, wo Luzi mitgespielt hat!“ Andächtig strich der Kommissar mit den Fingern seinen Bart glatt. „Bruder Rectus hatte nur von einem Musiker gesprochen. Oder hatte er einen Hass auf alle Musiker? Und warum gerade die Mittelalter-Szene?“ Darauf wusste auch El Silbador keine Antwort. Lasterbalk hatte sich den Essensvorräten gewidmet, die auf dem Tisch herumstanden. Ein Weißbrot hier, Butter dort, ein paar Kräuter, Käse, Trauben, Paprika. Ein paar Sardellenfilets, Tomaten, Zwiebel. Er schnibbelte und schnatterte, rührte und mixte was das Zeug hergab und bereitete mal eben ein paar kulinarische Delikatessen zu. Die ganze Zeit über hing Eva wie eine Klette an ihm. Was ihn natürlich nicht weiter störte... Herr Dr. Samoel wendete inzwischen das Fleisch auf dem Grill. „Kommis... Herr von Hasen-Mümmelstein, ist noch was von ihrem berühmten Nudelsalat im Auto?“, rief er dem Chef zu. Mümmelstein antwortete: „Ja, im Kofferraum. Eine ganze Glasschüssel voll!“ Lasterbalk schüttelte sich schon mal vorsorglich. Ja, auch er kannte den legendären Nudelsalat vom Hasen-Mümmelstein. Der war eine echte Beleidigung für seinen Gaumen. Dr. B. Samoel überließ kurzfristig die Grillzange El Silbador mit den Worten: „Aber nicht anbrennen lassen!“ Dr. Wu tauchte neben dem Kommissar auf. „Ist ihnen eigentlich schon der Mann mit der Kutte und der Sense aufgefallen?“, wollte er wissen. „Bruder Rectus hatte eine Sense? Nein, war mir nicht bewusst...“ gab Hasen-Mümmelstein zurück. „Nein, der doch nicht. Der Schwarze mit den Würfeln. Daneben sitzt so ein roter Typ mit Hörnchen auf dem Kopf“, belehrte ihn Dr. Wu. Nun sah auch Mümmelstein die beiden Gestalten. Da saß doch tatsächlich noch ein Mann in Kutte. Waren die Dinger etwa wieder modern geworden? Etwas mehr Sorge machte ihm jedoch die Sense, die der Typ griffbereit an seinen Stuhl angelehnt hatte. Die scharfe silberne Klinge glitzerte im Licht. Aber nicht nur der Schwarze und der Rote würfelten um die Wette. Eine dritte Gestalt war am Spiel beteiligt. „Hallo! Na, macht ihr ein kleines nettes Spielchen? Ihr wisst ja sicherlich, dass Glücksspiel um Geld verboten ist“, warnte der Kommissar. Die Gestalt in der Kutte wendete sich ihm zu. Das Blut in Mümmels Adern gefror zu Eis. Aus der Kutte grinste ihn ein sprechender Totenschädel an. „Aber natürlich, Herr Kommissar. Wir würfeln ja auch nicht um Geld! Sondern um das Leben dieses Mannes...“ Sein Knochenfinger zeigte auf eine ziemlich zugewucherte Gestalt, den Dritten im Bunde. „Ihr würfelt um die Seele eines Grottenolms? Ich dachte immer, der wäre eine Erfindung von Walter Moers...“, sprudelte es aus Mümmelstein hervor. „Hallo? Ich bin kein Grottenolm! Habe nur lange keine Zeit zum Rasieren und für den Friseur gehabt!“, fuhr der vermeintliche Olm ihn an. „Als Techniker bei einer Band bleibt einem nicht viel Zeit dazu!“ Aus der Tasche seines schwarzen Mantels holte Mümmelstein einen Akku-Elektrorasierer mit integriertem Langhaarschneider und eine Schere. „Hier, schneid dich mal ein bisschen frei!“, sagte er. Dankbar nahm der Olm die Sachen an sich und verschwand. Der Typ mit den Hörnchen hatte ein hochrotes Gesicht und am ganzen Körper rote schrumpelige Lederhaut. Die Hautoberfläche flackerte in rot-orange Tönen und er strahlte Hitze ab wie ein Backofen. Na klar, er glühte! Offensichtlich saß der Kommissar mit Tod und Teufel an einem Tisch. Hier stellte sich wohl kaum die Schuldfrage nach einem Mord. Die beiden nahmen sich einfach, wen sie haben wollten. Aber würde einer von ihnen ihr Opfer einfach mitten auf der Straße liegen lassen? Der Teufel nahm alles mit in die Hölle, was ihm in die Fänge geriet. Und der Tod? Ein dunkler gepflegt aussehender Mann mit langen Haaren und sauber gestutztem Bart setzte sich zu ihnen an den Tisch. Er hatte schöne braune Augen. Mümmelstein schaute ihn erstaunt an. „Aber der Platz ist schon besetzt! Wir warten nur noch auf die Rückkehr des Grottenolms!“ „So, können wir dann mal weitermachen?“, fragte der Mann kopfschüttelnd. „Jetzt sehe ich wenigstens in ordentlichem Zustand meinem Ende entgegen!“, fuhr er fort. Ungläubig starrte Mümmel ihn an. „Du bist der Grottenolm? Du hast ja ein richtig nettes Gesicht, wenn man mal was davon sieht. Wie heißt du?“, fragte er. „Sören“, sagte der Mann einsilbig und legte die Friseur-Utensilien vor Mümmelstein ab. „Na, dann wollen wir mal!“, sagte der Teufel voller Vorfreude. Er schüttelte die Würfel in seiner Hand und warf sie auf den Tisch. 3 mal 6. Sein dämonisches Grinsen reichte von einem Hörnchen zum anderen. Sören erblasste. Mit zitternden Fingern nahm er die Würfel auf. In dem Moment als er würfelte, berührte ihn des Todes Hand. Die Würfel harrten auf der Kante - gehalten von des Todes Blick. Kalt lächelte er in des Teufels Fratze. „Mein Lieber, so geht das nicht. Solche Tricks kannst du bei Leuten anwenden, die es verdienen. Sören hat es nicht verdient.“ Vor lauter Zorn wurde der Teufel noch röter. Sein Kopf dampfte, begann zu qualmen und ging schließlich in Flammen auf. Es zischte – und der Teufel war weg. Gutmütig klopfte der Tod Sören auf die Schulter. „Irgendwann, eines fernen Tages werde ich dich holen, aber bis dahin wird noch viel viel Zeit vergehen!“ Anerkennend nickte der Kommissar. Mit dem Tod war noch ein Geschäft zu machen, wenn es für ihn soweit war. Und bestimmt hatte der Tod Luzi nicht einfach so sinnlos dahingerafft. Und ihm schon gar keine Maske aufgesetzt! Herr Dr. Samoel kam mit dem Nudelsalat zurück und stellte ihn zu Lasterbalks Köstlichkeiten auf den Tisch. Unauffällig schob Lasterbalk der Lästerliche die Glasschüssel an den Rand des Tisches. Vielleicht würde sie ja so ganz aus Versehen vom Tisch fallen... Alea der Bescheidene war ein Stück aufgerückt und saß nun neben Till Eulenspiegel. „Du bist doch ein Spielmann, oder?“, fragte Till und klimperte an seinem Eselsohr herum. „Ja, woher weißt du das?“, gab Alea zurück. „Das hab ich doch im Urin! Schließlich zeige ich der Welt, wo es langgeht. Weißt du, es gibt nicht mehr viele Narren...“ Unermüdlich plapperte der Narr Alea die Ohren voll. Doch so sehr Alea sich auch anstrengte, er schaffte es nicht, sich abzuwenden. Keine Entspannungsmaßnahme half gegen das Gelabere in seinem Kopf. Selbst die durchtrainierten Muskeln versagten so langsam ihren Dienst. Ganz langsam sank Aleas Kopf in Richtung Brust. Die Atmung wurde schwächer, der Herzschlag langsamer. So sehr Alea kämpfte, er kam nicht dagegen an. Plötzlich bemerkte Jean der Tambour, dass mit Alea etwas nicht stimmte. Noch immer laberte der Narr eindringlich auf Alea ein. „Stopft dem Narr das Maul! Er bringt Alea um! Er labert ihn tot!“, schrie er in bestem akzentfreiem Deutsch. Auch Lasterbalk sah zeitgleich, dass hier etwas mächtig den Bach herunterging. Er griff nach der Nudelsalat-Schüssel, nahm sie auf seine rechte Hand und warf sie gezielt nach Till Eulenspiegel. Die Schüssel traf den von der Narrenkappe gepolsterten Kopf, der Narr sackte klimpernd halb betäubt zu Boden und der Salat ergoss sich über die Pflastersteine des Hofes. Anerkennend nickte Lasterbalk. „Mümmelsteins Nudelsalat ist ja doch für etwas gut!“ Ein Mann im Schottenrock, der irgendwo voll in der Ecke von Toms Drachenschänke gelegen hatte, sprang auf. Er riss sich die karierte Decke des Kilts von der Schulter und knebelte damit den bewegungslosen Narren. Zum Glück war die Decke so lang, dass er direkt die Hände mitfesseln konnte. Mit erhobener Sense baute der Tod sich hinter Alea auf. „Eigentlich will ich dich ja noch gar nicht. Mensch Jungs, macht was!“, fuhr er die Polizisten an. „Wo ist eigentlich Dr. Wu?“, wunderte sich der Kommissar. „Der wollte zum Chinesen um die Ecke, eine Kleinigkeit essen“, erklärte Herr Samoel, wie immer mit der Grillzange in der Hand. Wenn man vom Teufel spricht... kam Herr Dr. Wu in den Hof zurück. Er sah Alea in den Seilen hängen und eilte mit wehendem Kittel zu ihm hin. Nahm Aleas Handgelenk, schaute auf die Uhr und zählte. „Der Puls ist ein bisschen schwach.“
„Ich bin Eva!“, flötete sie und blinzelte Lasterbalk kokett zu. Dabei hielt sie ihm den angebissenen Apfel hin. Der Mann der Spurensicherung ließ sich nicht lange bitten und biss herzhaft hinein. Nachdem er gekaut und geschluckt hatte, fragte er: „Was machst du hier so ganz allein, schöne Eva?“ Sie errötete ein wenig, als sie antwortete: „Ich habe verbotene Früchte begehrt und bin gerade erst mit Adam aus dem Paradies rausgeworfen worden. So was nennt der da Sünde!“ Ihr ausgestreckter Finger wies auf einen alten Mann, der ihr gegenüber saß. Er hatte lange schlohweiße Haare und einen weißen Bart. Sein ebenfalls weißes Gewand war knöchellang und eine dralle Rothaarige in knappem Leder-Outfit räkelte sich auf seinem Schoß. Fasziniert schaute der Mann dem Würfelspiel zu, das sich neben ihm abspielte. Blind griff er nach einer Weinflasche und setzte sie an. Lasterbalk lachte laut auf. „Der will dir was von Sünde erzählen? Alter Mann, wer bist du denn?“ Der alte Mann hob den Kopf. Der ganze Hof dröhnte und bebte, als er antwortete: „ICH BIN GOTT!“ Nun, daran hatte keiner einen Zweifel. Alea der Bescheidene murmelte seinem Nachbarn ins Ohr: „Ich wusste immer schon, dass Gott ausgelassen, wild und frei feiern würde, wenn sich endlich mal die Gelegenheit dazu ergäbe!“ „Sag mal Gott, wenn du trinkst, mit Frauen rummachst und feierst, warum machst du dann nicht bei dem Spiel mit?“, wollte Lasterbalk wissen. Ernst sah Gott ihm in die Augen. „Junger Mann, merk dir eins: Gott würfelt nicht!“ Ungläubig schüttelte Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein den Kopf. Wenigstens kam Gott nicht als Mörder in Frage. Oder etwa doch? Wenn er Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben hatte, wo war dann Adam? Ja, Adam war ohne Eva bestimmt so einsam wie Luzi... Und was war mit Gottes Gespielin? Gut, sie war extrem hübsch und rothaarig, aber war sie deshalb von aller Schuld befreit? Hatte das einsame L sich wohl an sie rangeworfen? Hatte er Chancen bei so einer Frau gehabt? Fragen über Fragen... Herr Dr. Samoel kam zurück. Unter seinem Arm trug er einen runden Metall-Grill, einen Sack Holzkohle und eine Flasche Brennspiritus. Gerade als er sich damit abmühen wollte, den Sack aufzureißen, kam ihm eine Frau zu Hilfe. Sie war älter als er und hatte dunkelblonde mittellange Haare. Sie streckte ihm die Zunge raus, auf der eine Rasierklinge lag. Mit Zeigefinger und Daumen nahm sie die Klinge herunter, schnitt mit einem gezielten scharfen Schnitt den Papiersack auf und legte die Klinge wieder auf die Zunge zurück. Erstaunt zog Herr Samoel die Augenbrauen hoch. „Danke! Wer bist du?“ „Ich bin Ricarda. Sicher brauchst du auch noch Feuer?“, sagte sie und wedelte mit der Hand. Nachdem Herr Dr. Samoel die Holzkohle in den Grill geschüttet hatte, wollte er die Spiritusflasche aufschrauben. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. „Den brauchen wir doch nicht!“, sagte eine laute Stimme hinter ihm. Erschrocken drehte Samoel sich um. Hinter ihm stand ein Mann mit ledriger Haut und mittelblondem Haar. Er schnipste mit Daumen und Mittelfinger der rechten Hand und eine kleine Flamme tanzte auf seinen Fingerspitzen. Behutsam setzte er die Flamme in seine linke Handinnenfläche und pustete darauf. Ein gewaltiger Feuerball loderte auf. Der Mann warf den Ball in hohem Bogen in die Holzkohle, die sofort zu brennen begann. Nun ging er zum Grill herüber, der etwas wackelig auf den Pflastersteinen des Hofes stand. Aus seiner Hosentasche zog er eine Kneifzange und setzte sie an sein linkes Nasenloch an. Er bohrte etwas darin herum und zog schließlich einen 20 cm langen Nagel heraus. Mit der bloßen Hand schlug er den Nagel durch das Bodenblech des Grills in einen Pflasterstein ein. „Fertig!“, grinste er und ging zurück zu seinem Sitzplatz. Ungläubig schaute Herr Samoel den Stuhl an. Die Sitzfläche war gespickt mit spitzen Nägeln. Noch immer stand Ricarda neben Samoel. „Und wer ist das?“, wollte er wissen. „Das ist Rafftan. Du kennst doch bestimmt Rafftans Knobihöhle? Die gehört ihm! Und Rafftan ist 6-facher Fakir-Weltmeister“, sagte sie und ließ ihn dann verdattert stehen. Wer solche Dinge aus dem Nichts bewerkstelligen konnte, war bestimmt auch in der Lage, einen Menschen nur durch Willenskraft tot umfallen zu lassen. Saß der Täter auf einem Nagel-Stuhl? Von der Größe her würde er in eine XXL-Kutte passen. Aber auch Ricarda hatte bestimmt ihre Mittel und Wege, jemanden ohne offensichtliche Verletzungen dahinsiechen zu lassen... Nachdem der dunkelhaarige Jean sich ausgiebig mit Herrn Holger unterhalten hatte, sprach ihn sein Sitznachbar an. Dieser trug einen quietschebunten Anzug mit Pumpärmeln, Schnabelschuhe und eine Narrenkappe mit Eselsohren. „Hallo Spielmann! Du bist doch einer, oder?“ „Ah, tu est Till Eulenspiegel, ne sais pas?“, sagte Jean, ohne auf die Frage einzugehen. Erschrocken schaute der Mann zurück. „Ich bin Till Eugenspiegel. Woher kennst du meinen Namen? Und warum sprichst du denn so komisch?“, fragte er. „Pardon?“ Jean, der Franzose, tat so, als würde er den Mann nicht verstehen. Er hatte echt keine Lust auf schräge Vögel. „Hey, komm schon, ich will dich ein bisschen bespaßen. Wie wäre es? Hast du Lust? Ich habe schon Gott und die Welt bespaßt! Kaiser, Könige, Edelmänner, ich sag dir alles das, was du nicht hören willst, ob du es hören willst oder nicht...“ Der Eulenspiegel gestikulierte wild mit den Händen herum, wobei die Schellen an Narrenkappe und den Ärmeln nur so klimperten. Hier verstand man ja kaum sein eigenes Wort!