©Monika Bauß / Mark Wischnewski / Lucas Wischnewski 2011-2018
Herr Dr. B. Samoel kam zum Kommissar zurück. „Übrigens, die Leiche heißt Luzi das L. Auch genannt Luzi das einsame L. War ein Musiker. Spielte in so einer schrägen Mittelalterband. Salatio Mortis oder so ähnlich“ Er zuckte die Schultern und schob dann hinterher: „Ich bin mal eben weg, muss was aus dem Auto holen.“ „Das einsame L.“ Das gab Herrn von Mümmelstein zu Denken. Ob es eine Eifersuchtstat war? Hatte das einsame L eine Beziehung zu einer verheirateten Frau gehabt? Der Ehemann war dahintergekommen... Luzi war Musiker gewesen... Bruder Rectus! Hätte Luzi nicht das Zeichen des Mörders – die Maske – getragen, hätte es auch Selbstmord sein können. Aber soooo einsam war doch wohl auch hoffentlich das einsame L nicht gewesen. Und außerdem hinterließ auch ein Selbstmord seine Spuren. Oft sogar sehr unschöne... Hatte Luzi eine flüchtige Liebschaft gehabt? Ein One-Night-Stand, von dem die Dame mehr erwartet hatte? War eine Frau die Mörderin? Der Kommissar ließ den Blick über die anwesenden Frauen schweifen. Lasterbalk war in ein Gespräch mit der spärlich bekleideten Dame verwickelt, die Herr von Mümmelstein sich eigentlich selbst gern vorgenommen hätte. Sie trug nur ein paar Lindenblätter, die ihre Blöße notdürftig bedeckten und hielt in der Hand einen rot glänzenden Paradiesapfel. Wie konnte die Gute denn hier so rumsitzen? Fast nackt... Er schaute genauer hin. Sie trug doch noch etwas mehr an ihrem Körper. Um ihr rechtes Bein wand sich eine Schlange. O.k. Das konnte man so gerade noch durchgehen lassen. „Ich bin Eva!“, flötete sie und blinzelte Lasterbalk kokett zu. Dabei hielt sie ihm den angebissenen Apfel hin. Der Mann der Spurensicherung ließ sich nicht lange bitten und biss herzhaft hinein. Nachdem er gekaut und geschluckt hatte, fragte er: „Was machst du hier so ganz allein, schöne Eva?“ Sie errötete ein wenig, als sie antwortete: „Ich habe verbotene Früchte begehrt und bin gerade erst mit Adam aus dem Paradies rausgeworfen worden. So was nennt der da Sünde!“ Ihr ausgestreckter Finger wies auf einen alten Mann, der ihr gegenüber saß. Er hatte lange schlohweiße Haare und einen weißen Bart. Sein ebenfalls weißes Gewand war knöchellang und eine dralle Rothaarige in knappem Leder-Outfit räkelte sich auf seinem Schoß. Fasziniert schaute der Mann dem Würfelspiel zu, das sich neben ihm abspielte. Blind griff er nach einer Weinflasche und setzte sie an. Lasterbalk lachte laut auf. „Der will dir was von Sünde erzählen? Alter Mann, wer bist du denn?“ Der alte Mann hob den Kopf. Der ganze Hof dröhnte und bebte, als er antwortete: „ICH BIN GOTT!“ Nun, daran hatte keiner einen Zweifel. Alea der Bescheidene murmelte seinem Nachbarn ins Ohr: „Ich wusste immer schon, dass Gott ausgelassen, wild und frei feiern würde, wenn sich endlich mal die Gelegenheit dazu ergäbe!“ „Sag mal Gott, wenn du trinkst, mit Frauen rummachst und feierst, warum machst du dann nicht bei dem Spiel mit?“, wollte Lasterbalk wissen. Ernst sah Gott ihm in die Augen. „Junger Mann, merk dir eins: Gott würfelt nicht!“ Ungläubig schüttelte Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein den Kopf. Wenigstens kam Gott nicht als Mörder in Frage. Oder etwa doch? Wenn er Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben hatte, wo war dann Adam? Ja, Adam war ohne Eva bestimmt so einsam wie Luzi... Und was war mit Gottes Gespielin? Gut, sie war extrem hübsch und rothaarig, aber war sie deshalb von aller Schuld befreit? Hatte das einsame L sich wohl an sie rangeworfen? Hatte er Chancen bei so einer Frau gehabt? Fragen über Fragen... Herr Dr. Samoel kam zurück. Unter seinem Arm trug er einen runden Metall-Grill, einen Sack Holzkohle und eine Flasche Brennspiritus. Gerade als er sich damit abmühen wollte, den Sack aufzureißen, kam ihm eine Frau zu Hilfe. Sie war älter als er und hatte dunkelblonde mittellange Haare. Sie streckte ihm die Zunge raus, auf der eine Rasierklinge lag. Mit Zeigefinger und Daumen nahm sie die Klinge herunter, schnitt mit einem gezielten scharfen Schnitt den Papiersack auf und legte die Klinge wieder auf die Zunge zurück. Erstaunt zog Herr Samoel die Augenbrauen hoch. „Danke! Wer bist du?“ „Ich bin Ricarda. Sicher brauchst du auch noch Feuer?“, sagte sie und wedelte mit der Hand. Nachdem Herr Dr. Samoel die Holzkohle in den Grill geschüttet hatte, wollte er die Spiritusflasche aufschrauben. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. „Den brauchen wir doch nicht!“, sagte eine laute Stimme hinter ihm. Erschrocken drehte Samoel sich um. Hinter ihm stand ein Mann mit ledriger Haut und mittelblondem Haar. Er schnipste mit Daumen und Mittelfinger der rechten Hand und eine kleine Flamme tanzte auf seinen Fingerspitzen. Behutsam setzte er die Flamme in seine linke Handinnenfläche und pustete darauf. Ein gewaltiger Feuerball loderte auf. Der Mann warf den Ball in hohem Bogen in die Holzkohle, die sofort zu brennen begann. Nun ging er zum Grill herüber, der etwas wackelig auf den Pflastersteinen des Hofes stand. Aus seiner Hosentasche zog er eine Kneifzange und setzte sie an sein linkes Nasenloch an. Er bohrte etwas darin herum und zog schließlich einen 20 cm langen Nagel heraus. Mit der bloßen Hand schlug er den Nagel durch das Bodenblech des Grills in einen Pflasterstein ein. „Fertig!“, grinste er und ging zurück zu seinem Sitzplatz. Ungläubig schaute Herr Samoel den Stuhl an. Die Sitzfläche war gespickt mit spitzen Nägeln. Noch immer stand Ricarda neben Samoel. „Und wer ist das?“, wollte er wissen. „Das ist Rafftan. Du kennst doch bestimmt Rafftans Knobihöhle? Die gehört ihm! Und Rafftan ist 6-facher Fakir-Weltmeister“, sagte sie und ließ ihn dann verdattert stehen. Wer solche Dinge aus dem Nichts bewerkstelligen konnte, war bestimmt auch in der Lage, einen Menschen nur durch Willenskraft tot umfallen zu lassen. Saß der Täter auf einem Nagel-Stuhl? Von der Größe her würde er in eine XXL-Kutte passen. Aber auch Ricarda hatte bestimmt ihre Mittel und Wege, jemanden ohne offensichtliche Verletzungen dahinsiechen zu lassen... Nachdem der dunkelhaarige Jean sich ausgiebig mit Herrn Holger unterhalten hatte, sprach ihn sein Sitznachbar an. Dieser trug einen quietschebunten Anzug mit Pumpärmeln, Schnabelschuhe und eine Narrenkappe mit Eselsohren. „Hallo Spielmann! Du bist doch einer, oder?“ „Ah, tu est Till Eulenspiegel, ne sais pas?“, sagte Jean, ohne auf die Frage einzugehen. Erschrocken schaute der Mann zurück. „Ich bin Till Eugenspiegel. Woher kennst du meinen Namen? Und warum sprichst du denn so komisch?“, fragte er. „Pardon?“ Jean, der Franzose, tat so, als würde er den Mann nicht verstehen. Er hatte echt keine Lust auf schräge Vögel. „Hey, komm schon, ich will dich ein bisschen bespaßen. Wie wäre es? Hast du Lust? Ich habe schon Gott und die Welt bespaßt! Kaiser, Könige, Edelmänner, ich sag dir alles das, was du nicht hören willst, ob du es hören willst oder nicht...“ Der Eulenspiegel gestikulierte wild mit den Händen herum, wobei die Schellen an Narrenkappe und den Ärmeln nur so klimperten. Hier verstand man ja kaum sein eigenes Wort! Genervt drehte sich Jean zurück zu Herrn Holger. Doch dieser war nicht mehr auf seinem Platz. Statt dessen saß nun ein großer, breiter dunkelhaariger Mann an seiner Stelle. „Parlez vous francais?“, fragte Jean hoffnungsvoll. Grinsend schüttelte der Mann den Kopf. „Ich nix verstehn. Ich Ruski!“ Erleichtert atmete Jean auf. Er sprach ein paar einzelne Brocken Russisch. Es waren vielleicht nicht gerade die geeigneten Wörter für eine gepflegte Konversation, aber der Russe kringelte sich vor Lachen. Als Jean erklärte, wie er mal einen Wal zurück ins Meer geschoben hatte, lag der Russe japsend unter dem Tisch. Er bekam vor lauter Gelächter kaum noch Luft. Der Franzose bemühte sich, den Russen schnell wieder an die Tischoberfläche zu bekommen. Nicht, dass er noch vor Lachen da unten erstickte! Moment, war es tatsächlich möglich, jemanden so zum Lachen zu bringen, dass er daran starb? Sah fast so aus... und hinterließ keine Spuren! Jedenfalls war sich Jean sicher, dass der Russe nicht der Mörder war. Der würde mindestens zwei Größen mehr brauchen als die Kutte hatte! Und auch hier stimmte die Haarfarbe nicht überein. Der Narr dagegen... Doch dann fiel ihm ein, dass niemand etwas davon gesagt hatte, dass bei der Flucht des Unbekannten Schellen zu hören gewesen waren. Auch Alea der Bescheidene war in eine Unterhaltung vertieft. Ihm gegenüber saß ein riesiger breitschultriger Mann mit blondem Irokesen- Haarschnitt, Cargo-Tarnhose und Sonnenbrille im Gesicht. Sie unterhielten sich über den Zauber Afrikas. Dabei wussten beide, dass es nicht allein das Land war, das die Menschen verzauberte. Auch die Bewohner Afrikas kannten noch die alten Bräuche, um einen wie auch immer gearteten Zauber auszuführen... „Falls dir mal irgend jemand fürchterlich lästig ist oder dir im Wege steht... Ich kenne jemanden, der sich gut mit Voodoo auskennt... Hast du eigentlich schon gehört? Dem Bürgermeister von Gelsenkirchen soll es auch gar nicht mehr so gut gehen...“ Der Mann lachte laut. „Nein, das ist natürlich ein Scherz! Übrigens, ich bin Gisbert Hiller. Veranstalter des Mittelalterlich Phantasie Spectaculums. Du kannst auch Gisi zu mir sagen. Und falls du mal Bock hast mit nach Afrika zu fahren, ruf mich an.“ Alea war hin und hergerissen. Gisi war bestimmt ein toller Kumpel. Und er kannte Leute, die mit Voodoo umgehen konnten. Oder war das alles nur ein Scherz gewesen? Und brauchte jemand, der den Voodoo-Zauber praktizierte, eine schwarze Kutte? Ging das nicht auf Entfernung mit Nadeln in Püppchen oder so? Hatte etwa jemand von Luzi dem L ein Püppchen angefertigt und aus der Ferne im stillen Kämmerchen umgebracht? Aber wer hatte ihm dann die Maske aufgesetzt?
Trotz seiner jahrelangen Erfahrung lief es dem Kommissar eiskalt über den Rücken. Er musste jetzt die ungemein wichtige Frage stellen! „Vielleicht hast du ihn ja schon umgebracht?“ Der Mönch nahm einen tiefen Zug aus seinem Humpen. „Das, mein Lieber, weiß nur Gott allein...“ Er drehte sich um, grinste einen alten Mann im Hof an, stellte den leeren Krug auf dem Tresen ab und trat ganz langsam aus der Ausfahrt auf die Straße hinaus. „Herr Kommissar, glauben sie, dass er es war?“, flüsterte El Silbador in Mümmelsteins Ohr. „Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ist er sehr verdächtig!“, murmelte Hasen-Mümmelstein und schrieb „Bruder Rectus“ in sein Notizbuch. Ganz in Weiß betrat Dr. Wu in Begleitung eines sehr großen, schlanken Mannes, der ganz in Schwarz war, den Innenhof. Der Mann trug langes braunes Haar, das leicht angegraut war, und einen sehr gepflegten Bart. Seinen braunen Augen entging nichts. „Herr Kommissar!“, rief Dr. Wu schon von weitem, doch von Hasen- Mümmelstein legte den Finger an seine Lippen und stieß ein leises „Psst! Inkognito!“ hervor. Ohne ein weiteres Wort kam Dr. Wu zu ihm herüber. „Das ist Lasterbalk der Lästerliche von der Spurensicherung“, stellte er den großen Mann vor. „Kenn ich doch schon! Und? Haben sie Spuren gefunden?“, fragte der Kommissar fachmännisch. „Ja. Die Leiche hatte einen Döner mit Zaziki zu Mittag. Die Reste befanden sich noch auf seinem T-Shirt“, erklärte der Lästerliche. „An dem Zaziki war eine Spur zu viel Knoblauch. Außerdem ist der Mann ein wenig zu kurz geraten...“ Interessiert wandte sich Lasterbalk dem Gelage hinter sich zu. „Hm, riecht nach Essen, Alkohol und schönen Frauen! Gut!“, sagte er mehr zu sich selbst und nahm den freien Platz von Bruder Rectus ein. „Dr. Wu, haben sie neue Erkenntnisse?“, schaltete sich nun El Silbador ein. Eifrig nickte der Doktor. „Ja, also, wie bereits gesagt, die Leiche ist tot. Ach ja, wir haben die Maske entfernt. Es handelt sich eindeutig um einen Mann. Ich meine, das Gesicht ist ja nicht das einzige Erkennungsmerkmal an einem Mann, aber...“ „Ja ja, schon gut. Also ein Mann. Todeszeitpunkt?“, hakte der Kommissar nach. Mit gerunzelter Stirn sagte Dr. Wu: „Na, vorhin halt. Vor 30 Minuten oder so. War noch nicht ganz kalt. Und die Leichenstarre hatte noch nicht eingesetzt.“ „Todesursache?“ Nun war der gute Doktor doch schwer verlegen und seine normalerweise leicht gelbliche Gesichtsfarbe verfärbte sich in ein sattes DHL-Gelb. „Todesursache durch... Sterben“, stellte er sachlich fest. „Ja, dass er durch Sterben gestorben ist, war mir schon klar. Aber woran ist er denn gestorben?“ Der Kommissar war nun schon leicht ungehalten. „Ich konnte keine Ursache feststellen. Keine Schusswunde, keine Hieb- oder Stichverletzung. Kein Hinweis auf eine Vergiftung. Er ist – wie die zwei anderen Leichen auch – erstickt. Aber auch hier gab es keine Strangulierung. Sieht aus, als wäre ihm irgendwas im Halse stecken geblieben, das man nicht mehr sehen kann“, erklärte Dr. Wu verlegen. „Wahrscheinlich hat es sich in Luft aufgelöst. Oder eine Fee hat es fortgezaubert?“, schlug El Silbador vor. „Toller Witz!“, nörgelte Dr. Wu. In dem Moment kamen die anderen angeforderten Kollegen der Spurensicherung in den Hof. Hierbei handelte es sich um Alea den Bescheidenen, einen außergewöhnlich sportlichen jungen Mann mit roten Strähnen im Haar, um Jean Mechant, auch genannt der Tambour, und Herrn Dr. B. Samoel. Wo bei Herrn Samoel der Dr. herkam, wusste bis heute niemand so genau... Natürlich war das Spurensicherungsteam so gut ausgebildet, dass es auch Leute vernehmen konnte. Nach kurzer Absprache mischten sich die Männer unters Volk. „Oh, mon ami, den rike Herr Holger!“, rief Jean Mechant, der nebenbei Franzose und Trommler war, begeistert aus. Er hatte gerade einen alten Freund getroffen. Herr Holger war winzig klein, stark behaart und wohlriechend. Eben ein echter schwedischer Troll. Erleichtert nahm El Silbador zur Kenntnis, wie winzig Herr Holger war. Nein, der konnte niemals die XXL-Kutte getragen und den Mann ermordet haben! Außerdem war er nicht blond. Und was für ein Motiv sollte ein Troll schon haben? Herr Dr. B. Samoel kam zum Kommissar zurück. „Übrigens, die Leiche heißt Luzi das L. Auch genannt Luzi das einsame L. War ein Musiker. Spielte in so einer schrägen Mittelalterband. Salatio Mortis oder so ähnlich“ Er zuckte die Schultern und schob dann hinterher: „Ich bin mal eben weg, muss was aus dem Auto holen.“ „Das einsame L.“ Das gab Herrn von Mümmelstein zu Denken. Ob es eine Eifersuchtstat war? Hatte das einsame L eine Beziehung zu einer verheirateten Frau gehabt? Der Ehemann war dahintergekommen... Luzi war Musiker gewesen... Bruder Rectus! Hätte Luzi nicht das Zeichen des Mörders – die Maske – getragen, hätte es auch Selbstmord sein können. Aber soooo einsam war doch wohl auch hoffentlich das einsame L nicht gewesen. Und außerdem hinterließ auch ein Selbstmord seine Spuren. Oft sogar sehr unschöne... Hatte Luzi eine flüchtige Liebschaft gehabt? Ein One-Night-Stand, von dem die Dame mehr erwartet hatte? War eine Frau die Mörderin? Der Kommissar ließ den Blick über die anwesenden Frauen schweifen. Lasterbalk war in ein Gespräch mit der spärlich bekleideten Dame verwickelt, die Herr von Mümmelstein sich eigentlich selbst gern vorgenommen hätte. Sie trug nur ein paar Lindenblätter, die ihre Blöße notdürftig bedeckten und hielt in der Hand einen rot glänzenden Paradiesapfel. Wie konnte die Gute denn hier so rumsitzen? Fast nackt... Er schaute genauer hin. Sie trug doch noch etwas mehr an ihrem Körper. Um ihr rechtes Bein wand sich eine Schlange. O.k. Das konnte man so gerade noch durchgehen lassen.