©Monika Bauß / Mark Wischnewski / Lucas Wischnewski 2011-2018
Bruder Frank stopfte diverse Elektronikgeräte in einen übergroßen Seesack. Laptop, mobile Festplatte, Mischpult, Canon-Digi- Spiegelreflexkamera und diverse andere Teile. „Jetzt einen Kaffee...“, brummelte Lasterbalk. „Das Feuer ist noch nicht heiß genug, um Kaffee aufzugießen“, sagte Bruder Rektus entschuldigend. „Wie wäre es mit frischer Milch? Oder mit einem Becher Mess-Wein? Ich konnte die ein oder andere Flasche vor der Plünderung retten.“ Doch Lasterbalk wollte einfach nur einen heißen Kaffee. Dann war es an der Zeit aufzubrechen. Die beiden „Brüder“ verabschiedeten sich voneinander. Bruder Rektus wischte sich eine Träne von der Wange und sagte: „Auch für mich ist es an der Zeit, neue Wege einzuschlagen. Oder neue alte Wege zu gehen. Erinnert ihr euch noch an die Geister der Vorzeit, den Zauber der Alten? Sie sind längst nicht vergangen, dreht euch im Tanz! Tosen des Windes, Mächte des Feuers, Brausen des Wassers, Kräfte des Steins! Vielleicht könnte ich auch öffentlich auftreten. Ich habe gehört, dass es so eine Veranstaltung gibt, die Mittelalterlich Phantasie Spectaculum heißt... Bestimmt treffen wir uns eines Tages wieder!“ Ein Narr saß in seinem bunten Narrenkleid auf dem Marktplatz des Dorfes und ließ den Kopf samt Narrenkappe mit Eselsohr hängen. Als er die Spielleute sah, sprang er übertrieben fröhlich auf und klimperte mit den Schellen an seinen Stiefeln. „Hallo, ich bin Till Eulenspiegel! Ich werde als Narr die Welt befreien!“ Zweifelnd sah Lasterbalk ihn an. „Bist du dir denn sicher, dass die Welt von dir befreit werden will?“ Die Antwort erübrigte sich in dem Moment, als eine Horde aufgebrachter Dorfbewohner auf sie zustürmte. Es waren nicht nur Bauern, Mägde und Knechte. Selbst ein Kaiser, ein König und diverse Edelmänner waren dabei. Und sie sannen nur auf eins: Vergeltung. Dann kamen die ersten faulen Äpfel, Eier und Kohlrabi geflogen. Auch anderes Obst und Gemüse erreichte die kleine Truppe und Till Eulenspiegel. Sogar ein alter stinkender Fisch hatte noch Fliegen gelernt und traf die schöne Salome am Arm. Angeekelt schrie sie auf. Die Spielleute nahmen den Narr in ihre Mitte und flüchteten, wobei sie Salome hinter sich herzerrten. Nur Bruder Frank stand etwas abseits und schoss mit der Reihenbildfunktion Fotos mit seiner Canon. Nachdem er genug Fotos auf der Speicherkarte hatte, rannte er den Spielleuten hinterher. Als sie sicher waren die Meute abgehängt zu haben, hielten sie am Waldrand an. „Sag mal, bist du eigentlich gerne ein Narr?“, wollte Mümmel wissen. „Geht so. Meine Eltern wollten halt, dass ich was Anständiges lerne! Und nachdem das mit dem Medizinstudium nicht so recht geklappt hat, habe ich eben Narr gelernt“, erklärte Till. „Und nur deshalb bist du Narr geworden?“, hakte Alea nach. „Was wärst du denn lieber geworden?“ Tills Antwort kam so schnell wie zuvor die faulen Äpfel: „Ein Spielmann! Ich kann Gitarre spielen! Akustik-Gitarre, Bouzouki, E-Gitarre, ein wenig Klavier und ein bisschen Harfe. Und ich kann ganz ordentliche Steaks grillen!“ Elsi sah ihn zweifelnd an. Dabei zweifelte er allerdings nicht an den Grillkünsten des Narrs. „Bist du eigentlich zufrieden mit deinem Namen? Ich meine, Till Eulenspiegel... das klingt doch so wie Hein Blöd...“ Ein breites Grinsen zog sich über Tills Gesicht. „Samoel ist ein toller Name. Herr Samoel!“ Salome blinzelte ihm zu. „Herr Samoel ist echt scharf!“ Laut lachend riss er sich die Narrenkappe vom Kopf und schlüpfte aus dem Narrenkleid. Beides warf er weit von sich. Darunter trug er eine schwarze Hose und ein ärmelloses schwarzes Shirt. „So ist es viel besser!“, beschloss er. Nur das Schellenband steckte er als Erinnerung ein. So schloss sich Herr Samoel der Truppe an. Die Spielleute warfen zusammen, um ihm eine Gitarre und einen Grill zu kaufen. Drei Dörfer weiter erhielten sie eine förmliche Einladung des Königs. Die Kleidung wurde ausgeklopft und gelüftet, die langen Haare gebürstet und die Bärte gestutzt. Salome hüllte sich verführerisch in ihre inzwischen sieben Schleier und in eine Parfümwolke. „König Herodes lässt bitten!“, erklärte der Knecht am Eingang der Burg. Der König war hoch erfreut über die Abwechslung in seinem langweiligen Königsleben. Die Spielleute spielten „Dessous le pont de Nantes“, „Choix des dames“, „Ecce Gratum“, die „Skudrinka“ und den „Veitstanz“. Bei den letzten beiden konnte Salome ihre Füße nicht mehr stillhalten und wirbelte durch den Ballsaal. „Salome, tanz für mich den Tanz der Tänze. Was immer du dir wünscht, ich werde es dir als Lohn gewähren! Ich lege dir meine Welt zu Füßen...“, versprach König Herodes. Die Schönheit setzte ihr süßestes Lächeln auf. „Egal, was es ist?“, fragte sie ungläubig. „Ja, ganz egal...“, antwortete der König ergeben. Sie ließ den Blick durch den Saal schweifen. Edle Kerzenständer, blitzende Waffen, Kristallgläser, Edelsteine, Geschmeide, der König selbst... Doch das Tier in ihr wollte nur eins: Jemanden leiden sehen. Und zwar nicht irgend Jemanden! „Gibt es an deiner Burg noch Steinschleudern? Ich meine, so richtig große, um dicke Brocken aufs Umland zu werfen?“, fragte sie. „Jaaa...“, sagte der König zögerlich. „Dann, mein lieber König Herodes: Wirf den Mümmelstein! Und danach werde ich für dich tanzen!“, forderte sie. (Nicht, dass Mümmel ein dicker Brocken wäre! Anm. d. Autorin) „Das ist dein Wunsch?“, fragte Herodes ungläubig. „Ich biete dir Gold, Juwelen, einen Platz an meiner Seite – und du willst diesen Spielmann sterben sehen?“ „Er würde alles für mich tun. Genau wie du. Und Wunsch ist nun mal Wunsch! Mümmelstein soll fliegen“, bekräftigte sie. Herodes ging auf sie zu und legte einen Arm um sie. Dann flüsterte er etwas in ihr Ohr und sie lächelte amüsiert. Alea konnte nicht an sich halten: „Salome, du bist für mich das Letzte, ich find dich widerlich!“ Der König öffnete die riesige Holztüre und rief in den Gang hinein: „Schickt mir den Henker!“ Mümmelstein wurde ganz grün im Gesicht. Sollte er etwa vom Henker mit der Steinschleuder abgeschossen werden? Schließlich war es dem Henker egal, wessen Leben er auf welche Art und Weise beendete. Er machte nur seinen Job. Mümmel sah Salome an. Und auf einmal wurde ihm klar: „Alle Dinge die ich tat, alle Wege die ich ging, ich ging sie für dich. Für dich! Vergiss mein nicht!“ Des Königs Henker mit der Kapuze auf dem Kopf schlurfte müde herein. „Ja, König?“ „Ich habe Arbeit für dich!“, verkündete Herodes. „Ach Mann, ich bin der Toten müde, dem Untergang geweiht! Kein Ruhm und keine Ehre entlohnt für all das Leid. Ich bin des Königs Henker, die Hand hält das Fallbeil. Verdammt, den Tod zu leben, verspiel mein Seelenheil!“, klagte der Henker. „Ja ja, immer dieselbe alte Leier! Mach die Gouillotine fertig!“, sagte der König und der Henker verschwand. Dem armen Mümmelstein war nun jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen. Nun war es nicht mehr die Steinschleuder, sondern die Gouillotine? Vielleicht hätte er es dann schneller hinter sich. Bruder Frank zückte die Digicam. „Soll ich ein Podcast für die Nachwelt machen?“ Er bekam keine Antwort. „Aber König, können wir da nicht noch mal drüber verhandeln? So eine schwerwiegende Entscheidung! Ich meine, da solltet ihr noch mal eine Nacht drüber schlafen...“, versuchte Lasterbalk den König zu beeinflussen. Schließlich wollte so niemand sterben. Und Mümmel hatte das ganz sicher nicht verdient! Langsam wurde der König ungeduldig: „Nichts da. Der Worte sind genug gewechselt, lasst uns endlich Taten sehen!“ „Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein, hast du einen besonderen Wunsch, welches Lied wir zum Abschied spielen sollen?“, fragte Alea mit Tränen in den Augen. Tapfer lächelte Mümmel. „Es kommt doch nur eins in Frage: Spielt mir den Saltatio Mortis – den Totentanz!“ Der Henker kam zurück. „Ich bin bereit, König.“ Die ganze Truppe machte sich auf den Weg in den Hof, wo die Gouillotine stand. Unentwegt befühlte Mümmel seinen Hals. Noch saß der Kopf obenauf... Lächelnd nahm der König Salome an die Hand und führte sie die kleine Treppe zum Podest herauf. „Das ist ja wie bei ARD und ZDF. Mittendrin statt nur dabei!“, strahlte sie begeistert. „Oh ja, ganz mittendrin!“, bestätigte der König. Dann verfinsterte sich Salomes Gesicht. „Aber ich wollte ihn doch mit der Steinschleuder werfen. Oder wollt ihr ihn erst köpfen und dann abschießen?“ Des Königs Lächeln wurde noch breiter, als er zu ihr sprach: „Wer immer dir verraten hat, dass diese Welt sich dreht, hat er dir damit auch gesagt, dass du im Zentrum stehst? Fall doch vom Rand der Erde, ich wünsch dir guten Flug. Trink deinen Schierlingsbecher aus in einem Zug. Ertrink am Grund der Meere mit Steinen um den Hals! Ich freu mich auf dein Scheitern, bin Zeuge deines Falls!“ Salomes Lächeln vereiste. „Ich? Ich soll auf deinem Schafott sterben? Aber du hast mir die Welt versprochen...“ Der König schmunzelte. „Ja, das habe ich. Ich habe dir meine Welt versprochen! Und deshalb: Sieh die Welt mit meinen Augen – ich habe viel gesehen! Um mich zu verstehen, muss man meine Wege gehen! Und jetzt lege bitte dein hübsches Köpfchen auf den Holzklotz!“ Und während die zeternde Salome ihren Kopf in die Gouillotine legte, spielte die Band den Saltatio Mortis. Herodes gab dem Henker ein Zeichen und das Fallbeil sauste herunter.
Mit offenem Mund schaute Alea den entzauberten Werwolf an. Die Frau sah ein wenig aus wie Doro Pesch. In seiner Teenie-Zeit hatte ein Poster von Doro über seinem Bett gehangen. Großzügig wie Lasterbalk war, zog er seinen langen, schwarzen Mantel aus und hielt ihn der Schönheit hin. Nun musste er zwar frieren, aber was tat Mann nicht alles für eine Frau... Mit schlanken Fingern nahm sie den Mantel entgegen und schlüpfte hinein. Der Mantel schlappte ungefähr einen halben Meter wie eine Schleppe hinter ihr her. Außerdem war er nicht zu schließen. Sie streckte ihre hübsche kleine Nase in die Höhe, zog eine Schmollschnute und ließ den Mantel von den Schultern gleiten. „So geht das nicht. Ich brauche etwas Anständiges zum Anziehen!“ Grinsend zog Lasterbalk seinen Mantel wieder an und rückte seinen Bauchgurt heraus, den sie als Wolf verschmäht hatte. „Hier, da kannst du dich reinwickeln!“, schlug er vor. Alea trennte sich von seinem Rockteil, das er normalerweise über der Hose trug, Mümmel gab ihr seinen Gürtel und Elsi reichte ihr sein Kopftuch. Kunstvoll wickelte sie sich in die Klamotten ein. „Übrigens, ich heiße Salome. War einst bekannt als schönste Frau der Wüste...“, stellte sie sich vor. Ja, schön war sie wirklich. Als die Spielmänner dann zur Feier des Tages Tulla spielten, begann Salome zu tanzen. Mit verführerisch wehenden Schleiern aus den Klamotten der Spielmänner wirbelte sie über den Waldboden und hatte im Nu die Musiker verzaubert. Alle? Ja, ausnahmslos alle! Als endlich Schlafenszeit war, lagen die Männer ihr zu Füßen. Jeder wollte ihr Beschützer für die Nacht sein. „Wer von euch ist eigentlich der Held, der mich gerettet hat?“, fragte sie kokett mit gekonntem Wimpernaufschlag. „Ich habe den Zauberspruch gesagt...“, bekannte sich Alea mit laut klopfendem Herzen. „Dann will ich dir meine Gunst erweisen, du bärtiger Barde. Alea der Besinnliche...“, sagte sie laut und stöhnte „Lass uns tanzen einen Reigen - wie heiße Lava kocht das Blut...“ in Aleas Ohr. Sie zerrte ihn hinter sich her und zusammen verschwanden sie im dunklen Wald. Die anderen waren leicht stinkig. „Alea, der Besinnliche! Bärtiger Barde! So ein Quark!“, fauchte Mümmelstein eifersüchtig. Erst im Morgengrauen kehrten die beiden Turteltäubchen auf die Waldlichtung zurück. Während Salome mit Met, Brot, Schinken, Käse und Freundlichkeit überhäuft wurde, straften die Männer Alea mit eisiger Verachtung. Schließlich baute sich Alea vor seinen Freunden auf: „Meine schwarze Liste beginnt mit einem Satz: Wer zuletzt lacht, lacht am besten und am Ende ist noch Platz!“ Mümmelstein versuchte ihn zu beschwichtigen. „So war das doch nicht gemeint! Es ist doch nur so...“ Alea ließ ihn nicht ausreden. In diesem Moment war er sich einfach zu sicher und zu stolz, um die Gefahr zu erkennen, als er sprach: „Es ist so, dass ihr sie alle haben wollt. Aber sie hat mich ausgewählt. Wenn sie sich für einen von euch entscheiden sollte: Bitte sehr! Ich werde euch nicht im Wege stehen!“ Und dann passierte etwas, mit dem wohl keiner gerechnet hatte. Salome schmiegte sich an Alea und flüsterte: „Also, wenn es dich nicht stört, ich würde auch gerne mal mit dem jungen El Silbador, dem älteren Mümmel und dem schönsten Mann vom Fest - Lasterbalk...“ Blankes Entsetzen stieg in Alea auf. „Du Miststück!“, entfuhr es ihm und schubste sie von sich weg. Von da an hatte er ihr für lange Zeit nichts mehr zu sagen. Sie zogen weiter und erreichten schließlich wieder Straßen und Dörfer. Die Spielmänner machten die Musik und Salome tanzte dazu. Am Ende ihrer Show ging Salome mit Mümmelsteins Piratenhut herum und sammelte Geld ein. Dabei ließ sie sich auch das eine oder andere Stück mal in den großzügigen Ausschnitt stecken. Und obwohl sie nun wesentlich mehr Gewinn machten als je zuvor, konnten sich die Spielleute nicht mehr so recht auf ihre Arbeit konzentrieren. So manches Mal ging ein Ton oder ein Paukenschlag daneben. Und jede Nacht betörte Salome einen anderen Spielmann. Unzufriedenheit machte sich breit. Habgier und Neid brachen aus. Den armen Mümmelstein hatte es besonders schwer erwischt. Melancholisch drehte er seine Leier und bekam kaum noch was auf die Reihe. Der dunkle Engel hatte ihn voll im Griff. Er hätte alles für sie getan. Und das Schlimmste daran war: Sie wusste es! Am Abend eines langen Tages torkelten die Spielmänner mit Salome völlig übermüdet und voll wie die Haubitzen aus einer Taberna. Es schüttete wie aus Kübeln und in Windeseile waren ihre Klamotten durchweicht. „Wir brauchen ein – hicks - Dach über dem Kopf, sonst spült uns der Regen noch in die Gosse“, lallte Lasterbalk. Doch kein „anständiges“ Haus wollte eine Horde nasser, betrunkener Spielleute und eine dürftig bekleidete Dame aufnehmen. Schließlich erreichten sie eine alte Kapelle. Die Türe war nur angelehnt und knarrte laut in den Angeln, als Alea sie aufzog. In einer Ecke stand eine brennende Kerze. „Hallo, jemand da?“, rief er hinein. „Ja, tretet nur ein“, rief eine Stimme zurück. Alea schlüpfte in die Kapelle hinein und die anderen folgten ihm. Auf den Stufen, die einst zu dem nun nicht mehr vorhandenen Altar geführt hatten, saßen zwei Mönche in braunen Kutten. „Seid Willkommen, Fremde. Das ist Bruder Frank und ich bin Bruder Rektus. Wir bekommen nur noch selten Besuch. Verklungen sind die Lieder, die Schriften verbrannt. Die alten Propheten sind schon lange verbannt. Die Kirche geplündert, der Mythos geraubt. Vergessene Götter, an die Niemand mehr glaubt...“ Spöttisch lachte Lasterbalk: „Bischof, Papst und seine Pfaffen! Taler, Gold und Schätze raffen! Ihr Heuchler!“ Bruder Frank, der nicht nur im Kerzenlicht eine leicht gelbliche Gesichtsfarbe hatte, sprang auf. „Nicht wir sind die Heuchler. Sondern die, die das Paradies gestürmt haben. Die, die den Sündenfall begangen haben...“ „Oh Mann, du fängst ja echt bei Adam und Eva an!“, lachte Lasterbalk bitter. „Kann es vielleicht sein, dass du ein bisschen an deiner eigenen Vergangenheitsbewältigung arbeiten solltest?“ Bruder Frank zog eine handliche Digicam aus seiner Kutte. „Hast du was dagegen, wenn ich unser Gespräch hier aufzeichne und später mal ein Podcast daraus mache?“